neuer Kommentar

Gräben, Säulen und Brücken: Die Einheit der Geographie auf dem empirischen Prüfstand

Was ist Geographie und was macht eigentlich Wesen und Kern unseres Faches aus? Die Beantwortung dieser Fragen fällt selbst Geographen immer noch und immer wieder schwer. Und das liegt bekanntlich an der eigentümlichen Stellung der Geographie zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Diese disziplinäre Janusköpfigkeit ist seit langem Ausgangspunkt lebhafter – mitunter leidenschaftlich geführter – fachinterner Diskussionen.

Geographische Selbstbeschreibungen bringen Begriffe wie Synthesefach und Integrationsdisziplin hervor; metaphorisch werden (dritte) Säulen errichtet und Brücken gebaut, die den Graben zwischen den beiden Wissenschaftskulturen überspannen sollen. Die Untersuchung des Mensch/Umwelt-Verhältnis wird dabei als vereinendes Kernparadigma postuliert. Während Einheitsskeptiker diese Ideen aus wissenschaftstheoretischer Perspektive anzweifeln, verweisen Einheitsoptimisten entweder auf disziplinpolitische Chancen, oder betonen den analytischen Mehrwert sowie die gesellschaftspolitische Relevanz einer Einheitsgeographie.

Der Streit um die Einheit ist eng mit disziplinären Traditionen und Mythen verwoben sowie direkt mit Fragen der Fachidentität verknüpft. Obwohl diese Auseinandersetzung beinahe so alt ist wie die universitäre Geographie selbst, wird dabei erstaunlicherweise nie auf die konkrete Forschungspraxis in unserer Disziplin Bezug genommen. Praxisanalysen fehlen bislang.

Diese empirische Leerstelle war Ausgangspunkt eines 2014 an der Universität Osnabrück in Kooperation mit der Universität Klagenfurt gestarteten Forschungsprojektes („Säulen der Einheit und Brücken im Fach“). Ziel ist ein Blick hinter die geographischen Identitätskonstruktionen indem der geographischen Praxis aus der Perspektive einer bibliometrischen Netzwerkanalyse nachgespürt wird. Anhand eines „Wer-zitiert-wen“ wird so erstmals der Versuch unternommen, eine belastbare empirische Basis für die Diskussion zu schaffen:

Wie eng ist das Netz des intellektuellen Austausches zwischen Physischer Geographie und Humangeographie gespannt?

Halten die rhetorisch errichteten Säulen der Einheit und Brücken im Fach einer empirischen Praxisanalyse stand?

Bisher sind zwei Forschungsberichte entstanden. Der grundlegende erste Beitrag erscheint im nächsten Heft der Zeitschrift Berichte: Geographie und Landeskunde, 88(2) (eine Entwurfsversion ist auf Nachfrage bei den Autoren erhältlich); der zweite wurde in der aktuellen geographischen revue, 16(2): S. 23-55 publiziert. Dass dieser Text nun auch auf raumnachichten.de veröffentlicht wird, ist mit der Hoffnung verbunden, dass die Projektberichte der alten Debatte um die Einheit unseres Faches neuen Schwung verleihen.  Raumnachrichten.de  als Forum für Wissenschaftsbeobachtung, Dialog und Diskussion bietet die geeignete Plattform für einen disziplinären Austausch. Methodische wie inhaltliche Kritik und weiterführende Diskussionsbeiträge im Diskussionsforum sind sehr willkommen! Es wäre schön, wenn sich sowohl „Brücken-Köpfe“ zu Wort meldeten als auch solche, die keiner integrativen Praxis frönen.

Sie sind herzlich eingeladen, sich mit eigenen Beiträgen an der Diskussion zu beteiligen. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: für kleinere Beiträge und kürzere Kommentare und Anregungen benutzen Sie bitte die Kommentarfunktion. Die Redaktion von raumnachrichten.de wird Ihren Kommentar dann freischalten (Wahrung der Netz-Etikette). Für längere Beiträge schicken Sie bitte Ihren Aufsatz an die Redaktion: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Ihr Beitrag wird dann auf raumnachrichten.de veröffentlicht.

 

Den Beitrag aus der geographischen revue können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

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