Werner Bätzing: Diskussionsbeitrag zum Forschungsprojekt von Philipp Aufenvenne und Malte Steinbrink und zur „Einheit der Geographie“

1    Zur normativen Position dieses Kommentars
Da es nicht möglich bzw. wenig sinnvoll ist, über die Einheit der Geographie wertneutral zu diskutieren, soll zu Beginn die normative Position dieses Kommentars offengelegt werden.

Im Gegensatz zu den allermeisten Geographen meiner Generation (Jahrgang 1949) wurde ich nicht im Geographiestudium automatisch von innen heraus mit der Frage der Einheit der Geographie konfrontiert, sondern ich habe im vorgerückten Alter das Fach Geographie explizit wegen seiner Brückenfunktion für die mir wichtige Alpenforschung gewählt, bin also von außen auf die Geographie gestoßen. In meiner gesamten beruflichen Tätigkeit als Geograph habe ich mich für die Einheit der Geographie engagiert und diese auch wissenschaftlich reflektiert (Bätzing 1991, 2000, 2011), und im Artikel von Aufenvenne/Steinbrink werde ich als der Humangeograph genannt, der von der Physischen Geographie am häufigsten zitiert wird (2014, S. 38-39).

 

Vor diesem Hintergrund geht dieser Kommentar von meinen Erfahrungen im Bereich geographischer Forschung, Lehre, akademischer Selbstverwaltung und Öffentlichkeitsarbeit aus, die sehr eindeutig dafür sprechen, dass die Einheit der Geographie ein zentral wichtiges Thema ist, das unbedingt aufgewertet werden muss. Und ich befrage deshalb das Forschungsprojekt von Aufenvenne/Steinbrink daraufhin, ob bzw. welchen Beitrag es zu dieser notwendigen Aufwertung leistet.


2    Zur Relevanz dieses Themas
Im Rahmen der Bologna-Reform ist die gesamte Universität und auch die Geographie fundamental verändert worden, und neutral überprüfbare Leistungen haben im Bereich Forschung und Lehre eine zentrale Bedeutung erhalten. Allerdings wird unter „Leistung“ nur eine solche Leistung verstanden, die „objektiv“ messbar ist, wobei man sich darauf geeinigt hat, dass bei Publikationen nur die Fachartikel in Zeitschriften mit einem Peer-Review-Verfahren zählen und dass der „Wert“ eines Artikels mit dem Impact-Faktor der Zeitschrift steigt. Wenn man in diesem Mess-System gute Werte erreichen will (die für das berufliche Fortkommen zentral wichtig sind), muss man hochspezialisierte Themen in englischer Sprache präsentieren, wobei die Publikationschancen umso besser werden, je globaler der gewählte Themenausschnitt ist. Themen mit rein regionaler oder gar lokaler Bedeutung haben dabei keine Chancen ebensowenig wie die klassischen Themen der Einheit der Geographie. Diese Entwicklung hat zu einem neuen Spezialisierungsschub in der Geographie geführt, der nicht allein die Forschung, sondern auch die Lehre betrifft, indem auch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge immer spezialisierter werden (systematische Trennung von Physischer Geographie und Humangeographie) und sich sehr viele Absolventen von einem hochspezialisierten Studienabschluss (zu Unrecht) bessere Berufsmöglichkeiten versprechen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage nach der Einheit der Geographie spontan als irrelevant und überflüssig – mit dieser Thematik kommt man nicht in die Fachzeitschriften mit hohem Impact-Faktor hinein und hat auch bei Drittmittelprojekten eher wenig Chancen. Solche Synthesefragen spielen in Zeiten der immer weiter voranschreitenden Spezialisierungen in allen Wissenschaften nur eine marginale Rolle, und sie interessieren lediglich einige wenige Spezialisten (in diesem Fall: Geographen, die zugleich Philosophen/Wissenschaftstheoretiker sind oder umgekehrt). Ich bin der Meinung, dass diese Sichtweise zu kurz greift und für das Fach Geographie sogar gefährlich werden kann.

Mit dem Umbau der Universitäten im Rahmen der Bologna-Reform waren und sind fundamentale Veränderungen bei den einzelnen Fächern verbunden. Im Kontext der neuen Konkurrenz aller Universitäten untereinander um Finanzierungen, Studenten und Aufmerksamkeit sucht jede Universität nach einem spezifischen Profil, nach einem Alleinstellungsmerkmal. Dieses kann jedoch nur durch interne Umschichtungen innerhalb der Universität gestärkt und ausgebaut werden, die in der Regel zu Lasten der „kleinen“ Fächer bzw. der Fächer mit der schwächsten Lobby innerhalb der Universität gehen. Und bei solchen Profilbildungen steht die Geographie nie (!) auf der Gewinnerseite, sondern häufig auf der Verliererseite. Deshalb ist es kein Zufall, dass in den letzten 15 Jahren einige Geographie-Institute im deutschen Sprachraum geschlossen und an vielen anderen Stellen abgebaut wurden.

Und an dieser Stelle spielt die Einheit der Geographie eine zentrale Rolle: Wenn die Universitätsleitung und/oder die Kollegen aus den sozial-/naturwissenschaftlichen Nachbarfächern in den Fakultäten den Eindruck haben, die Geographie stelle mit ihrer Verbindung von Natur- und Humanwissenschaften eine überholte und nicht mehr zeitgemäße Wissenschaftskonzeption dar (die Meinung der Geographen spielt dabei solange keine Rolle, wie sie nicht die Nachbarfächer und die Universitätsleitung davon überzeugen können), dann wird die Geographie schnell aufgelöst. Und dann kommt im besten Fall die Wirtschaftsgeographie zu den Wirtschaftswissenschaften, die Sozialgeographie zur Soziologie und die Physische Geographie zu den Naturwissenschaften, wo sie nach allgemeiner Meinung besser aufgehoben wären, wenn sie nicht gleich ganz gestrichen werden, weil die „Raumrelevanz“ für alle diese Fächer keine wirkliche Bedeutung besitzt.

Die Geographie kann diese Marginalisierung ihres Faches m.E. nur dann verhindern, wenn sie sich als Fach nicht spalten lässt und wenn die Einheit der Geographie – die inhaltlich m.E. weiterhin einen wichtigen Stellenwert besitzt – in Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit an den Instituten eine relevante Rolle spielt. Dabei zählt nach meinen Erfahrungen keine wissenschaftstheoretische Argumentation oder Begründung (die von den Universitätsleitungen sowieso meist nicht verstanden wird, weil sie daran nicht interessiert sind oder weil ihnen die fachliche Grundlage dafür fehlt), sondern einzig und allein eine lebendige und überzeugende Forschungs- und Lehrpraxis, die anschaulich deutlich macht, was das Brückenfach Geographie konkret leisten kann.


3    Zur Konzeption des Forschungsprojektes von Aufenvenne/Steinbrink
In diesem Kontext ist es außerordentlich begrüßenswert, dass sich Philipp Aufenvenne und Malte Steinbrink in ihrem Forschungsprojekt „Die Säulen der Einheit & die Brücken im Fach“ dieser unzeitgemäßen Thematik widmen und dazu empirische Analysen durchführen.

Allerdings irritiert mich persönlich die Ausgangsbeschreibung für die Begründung dieses Themas: Es geht darum, „... innergeographische Strukturen offenzulegen und ... zu reflektieren“ (Internet-Seite des Projektes: Ziele). Oder: „Die Identitätsfindung (der Geographie) blieb stets aktuell und immer brisant“ (Aufenvenne/Steinbrink 2014, S. 23) und: „In gewisser Weise hat sich das Krisenbewusstsein so tief in die innergeographischen Diskurse eingepflanzt, dass die disziplinären Zweifel nunmehr selbst zu einem einheitsstiftenden Element geographischer Fachidentität geworden sind“ (a.a.O., S. 24, beide Zitate aus der Einleitung).

Diese (richtigen) Aussagen hätte man genauso vor 10, 20 oder 30 Jahren formulieren können – sie formulieren allgemeine Richtigkeiten, die grundsätzlich gelten, aber sie nehmen keinerlei Bezug auf die spezifische Situation der Geographie als Brückenfach seit der Bologna-Reform.

Damit wählt dieses Forschungsprojekt einen – wissenschaftstheoretisch ausgedrückt – positivistischen Ansatz, der von einer allgemeinen Richtigkeit ausgeht, der Niemand widersprechen kann, und der diese Richtigkeit dann weiter ausdifferenziert (viele Geographen meinen fälschlicherweise, nur dies sei ein wissenschaftliches Vorgehen). Eine Gegenposition kann darin bestehen, nicht von einer allgemeinen Richtigkeit, sondern von einem spezifischen Problem auszugehen, also ein „problemorientiertes Vorgehen“ zu wählen (so wie ich es in Punkt 2 skizziert habe: Das Problem der „integrativen“ Geographie in einer immer ausdifferenzierteren Wissenschaftslandschaft; ein Beispiel für ein solches Herangehen gibt Meumann 2009). Aber hierfür braucht es einen konkreten, normativen Ausgangsstandort, der eben nicht von allen Wissenschaftlern geteilt wird und der auch nicht durch eine hieb- und stichfeste Letztbegründung abgesichert werden kann, sondern dessen Plausibilität sich erst im Lauf des Forschungsprojektes im Sinne eines „hermeneutischen Zirkels“ herausstellt (oder auch nicht, wenn das Projekt sein Ziel nicht erreicht, was völlig legitim ist).

Meine Erfahrungen mit Forschungsprojekten, die auf allgemeinen Richtigkeiten aufbauen, ist die, dass sie auch nur relativ allgemeine Ergebnisse bringen, während problemorientiert konzipierte Forschungsprojekte oft sehr viel relevantere und tiefere Erkenntnisse ermöglichen. Da dieses Forschungsprojekt aber noch nicht abgeschlossen ist – bislang wurde erst der erste von drei geplanten Teilen mit zwei Teilschritten (Aufenvenne/Steinbrink 2014 und 2015) publiziert – ist es derzeit noch zu früh, um diese Frage definitiv beantworten zu können.


4    Zur Allgemeinen und Regionalen Geographie?
Es fällt auf, dass dieses Forschungsprojekt keinerlei Bezug auf die klassische Unterteilung der Geographie in eine Allgemeine und eine Regionale Geographie nimmt, obwohl diese für das Brückenfach Geographie von sehr großer Bedeutung ist: Die Allgemeine Geographie – von Geomorphologie und Klimageographie bis hin zu Bevölkerungsgeographie und Politischer Geographie – analysiert räumliche Muster und Gesetzmäßigkeiten für ihren jeweiligen Gegenstand, also sektoral, auf der Ebene der gesamten Erde, und hier spielt das Zusammenwirken von Physischer und Humangeographie keine zentrale Rolle. Die Regionale Geographie untersucht das Zusammenwirken aller „Geofaktoren“ in einem bestimmten Raum, der von der Mikroebene (einzelner Hof mit seiner Flur) bis zur Makroebene (Erdteil) reichen kann, und hier steht die integrative Perspektive und damit das Zusammenwirken von Physischer und Humangeographie im Zentrum.

Auch wenn es von Seiten der Allgemeinen Geographie (z.B. durch Alfred Hettners „Geographie als chorologische Wissenschaft von der Erdoberfläche“ 1927 oder Josef Schmithüsens „Allgemeine Geosynergetik“ 1976) sowie von Seiten der Regionalen Geographie (z.B. durch Albert Kolbs „Kulturerdteile“ 1962) eine Reihe von Versuchen gab, eine geographische Gesamtsynthese zu entwickeln, so spielten diese damals (d.h. vor dem Kieler Geographentag) keine besonders große Rolle. Die große Faszination der Einheit der Geographie, die bis heute zu spüren ist, gründete in erster Linie auf den Arbeiten der Regionalen Geographie in einem mittleren Maßstab (Analysen von „Landschaften“ und „Ländern“), die weit über das Fach Geographie hinaus bekannt wurden und die damals der Geographie eine große Anerkennung im wissenschaftlichen und im außerwissenschaftlichen Bereich verschafften.

Mit dem Kieler Geographentag 1969 wurde die traditionelle Regionale Geographie („Landeskunde“) als nicht mehr zeitgemäß und vor allem als unwissenschaftlich dargestellt und bewertet. Dies führte zur Aufwertung positivistischer Ansätze in der Geographie und zur Phase der „Quantitativen Geographie“, und dadurch wurde die Regionale Geographie immer mehr zu Gunsten der Allgemeinen Geographie zurückgedrängt. Das Ergebnis zeigt sich heute in den Geographie-Lexika: Während das „Westermann Lexikon der Geographie“ von 1968-1972 noch Allgemeine und Regionale Geographie gleichwertig behandelt, konzentriert sich das vierbändige „Lexikon der Geographie“ aus den Jahren 2001-2002 allein noch auf die Allgemeine Geographie. Und heute sieht es oft so aus, als bestünde die Geographie nur noch aus der Allgemeinen Geographie.

Da diese so wichtige Thematik im Rahmen des Forschungsprojektes jedoch nirgendwo angesprochen wird, besteht die Gefahr, dass es sich – dem geographischen Mainstream folgend – die Verbindung von Physischer und Humangeographie nur im Rahmen der Allgemeinen Geographie vorstellen kann. Dies würde jedoch eine gravierende Verengung der Leitfrage nach dem Brückenfach Geographie bedeuten.

Das unterschiedliche Verhältnis der Allgemeinen und der Regionalen Geographie zum Brückenschlagen zwischen Physischer und Humangeographie könnte man kurz so skizzieren:
Die Allgemeine Geographie untersucht ein bestimmtes, abgegrenztes Thema unter der Frage nach räumlichen Mustern und Gesetzmäßigkeiten auf der weltweiten Ebene. Waren diese Themen im Rahmen der traditionellen Geographie noch relativ weit gefasst (mit etwa 11-12 Themen bzw. Teilgebieten wollte man die gesamte Breite der Geographie abdecken), so differenzieren sie sich im Laufe der Zeit immer weiter aus. Heute gibt es dabei in der Allgemeinen Geographie die Tendenz – analog zur Entwicklung in anderen Wissenschaftsbereichen, wo ebenfalls ausgewählte Teile unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen neu kombiniert werden –, hochspezialisierte Themen mit weltweiter Relevanz als gezielte Zusammenarbeit von kleinen Teilen der Physischen und Humangeographie als „Forschungsfelder“ neu zu konzipieren, wie es m.E. derzeit z.B. in der Hazard-, Klimafolgen- oder Vulnerabilitätsforschung geschieht.

Die Regionale Geographie untersucht dagegen einen bestimmten abgegrenzten Raum unter der Frage, wie hier die Geofaktoren (früher) bzw. die Bereiche Wirtschaft-Gesellschaft-Umwelt (heute) zusammenwirken, was eine breit angelegte, integrative Perspektive verlangt, die quer zur Spezialisierung steht. Ging es dabei früher auch in diesem Bereich um die Herausarbeitung von räumlichen Mustern und Gesetzmäßigkeiten, so steht heute m.E. die Analyse der beabsichtigten und der unbeabsichtigten Wechselwirkungen der Bereiche Wirtschaft-Gesellschaft-Umwelt unter der Leitfrage nach dem „guten Leben“ im Zentrum der Regionalen Analyse (Bätzing 2011, S. 112-114).

Der Brückenschlag zwischen Physischer und Humangeographie steht also einmal im Dienst der Spezialisierung, zum anderen im Dienst einer integrativen Perspektive, was einen großen inhaltlichen Unterschied bedeutet. Während die neuen Brückenschläge im Rahmen der Allgemeinen Geographie dem wissenschaftlichen Zeitgeist entsprechen und entsprechend gefördert werden, werden die Brückenschläge im Rahmen einer integrativen Perspektive zwar immer wieder neu in Wissenschaft und Öffentlichkeit als notwendig und unverzichtbar dargestellt – man brauche sie als Gegenpol zur Spezialisierung der Wissenschaften sehr dringend – und dafür werden in gewissen Abständen neue Begriffe entwickelt (lange Zeit: Inter- und Transdisziplinarität, heute: Nachhaltigkeit); aber letztlich handelt es sich dabei um Sonntagsreden, die für den Alltag der wissenschaftlichen Forschung irrelevant bleiben – die integrative Perspektive der Regionalen Geographie hat es sehr schwer, weil sie quer zum wissenschaftlichen Zeitgeist steht.

Ich habe diesen Aspekt deshalb so ausführlich dargestellt, weil er mir selbst erst beim Durchdenken und in der Auseinandersetzung mit diesem Forschungsprojekt deutlich geworden ist – und das spricht sehr für dieses Projekt.


5    Zum konkreten Forschungsdesign
Inhaltlicher Gegenstand des Artikels von Aufenvenne/Steinbrink 2014 ist eine bibliometrische Netzwerkanalyse aller Hochschullehrer der deutschsprachigen Geographie im WS 2012/13 (344 Professoren) und ihrer Publikationen in geographischen Fachzeitschriften in den Jahren 2003-2012 (4.267 Aufsätze), die das Ziel verfolgt zu überprüfen, wie stark dabei Physische Geographie und Humangeographie miteinander verflochten sind.

Dieses Forschungsdesign konkretisiert den positivistischen Grundsatz weiter, indem das Schwergewicht nicht auf Inhalte, sondern auf Formalia (Wer zitiert wen wie oft?) gelegt wird und indem aus „forschungspraktischen Gründen“ (a.a.O., S. 26) lediglich Fachzeitschriften als Untersuchungsgrundlage ausgewählt werden. Diese Wahl des Vorgehens ist jedoch keineswegs rein pragmatisch zu begründen und sie ist auch nicht neutral oder nicht-normativ, weil sie zentrale Methoden der aktuellen Leistungsbewertung an den Universitäten verwendet. Wenn es einen Zusammenhang zwischen der immer weiter voranschreitenden Spezialisierung aller Wissenschaften und ihrer rein quantitativ-formalen Bewertung gibt (so wie ich ihn sehe: Spezialisierung steht quer zu integrativen Ansätzen), dann wird mit der Wahl dieser Methode eine ganz bestimmte inhaltlich-normative Richtung vorgelegt. Dies wird jedoch nicht reflektiert.

Ich muss gestehen, dass ich die Lektüre der konkreten Ergebnisse der Analyse daher mit einer gewissen Skepsis begonnen habe – aber ich wurde dann positiv überrascht: Das Forschungsdesign wird gut nachvollziehbar entwickelt, die Interpretation der Einzelergebnisse geschieht nicht allein formal, sondern wird oft durch wichtiges Kontextwissen ergänzt und bewertet, und das Gesamtergebnis (a.a.O., S. 40-43) fällt sehr überzeugend aus. Zwar hat man als Akteur, der diesen Bereich der Geographie seit drei Jahrzehnten aktiv begleitet, dieses Ergebnis so oder ähnlich in etwa bereits vermutet, aber jetzt kann das „weiche Element des Meinens“ (G.W.F. Hegel) durch substanzvolle Aussagen ersetzt werden.

Zu den bibliometrischen Analysen noch drei Anmerkungen:
1. Die Physische Geographie besitzt als Teil der Naturwissenschaften andere Publikationsmuster als die Humangeographie (Monographien spielen hier keine Rolle und gelten meist sogar als nicht-wissenschaftlich, während sie in der Humangeographie in manchen - aber nicht in allen! - Teilbereichen noch einen hohen Stellenwert haben; und Artikel von mehreren/vielen Kollegen sind hier viel öfter zu finden als in der Humangeographie, was sich auch in der Zahl der Publikationen niederschlägt, siehe Aufenvenne/Steinbrink 2015, Tab. 1-3). Diese Differenz wird m.E. zu wenig inhaltlich reflektiert.

2. Während Artikel in Fachzeitschriften oft gewählt werden, um neue, spezialisierte Forschungsergebnisse vorzustellen, wird in Monographien und Büchern (nicht in Sammelbänden) teilweise eine sehr viel breitere Thematik entfaltet, bei der die Zusammenarbeit von Physischer und Humangeographie eine relevante Rolle spielt. Und die wenigen noch vorgelegten Publikationen der Regionalen Geographie werden oft als Monographie – der klassischen Form der Darstellung der Regionalen Geographie – präsentiert. Indem also Monographien und Bücher von der Analyse ausgeschlossen werden, wird ein relevanter Teil des Brückenschlags ausgeblendet. Dies wird bedauerlicherweise nicht reflektiert.

3. Bei den analysierten Zeitschriften sehe ich persönlich relevante Unterschiede zwischen akademischen Fachzeitschriften für Bibliotheken und Spezialisten (Professoren) wie „Die Erde“ oder „Erdkunde“ und geographischen Publikumszeitschriften wie der „Geographischen Rundschau“. Während erstere in der Regel hochspezialisierte Forschungsergebnisse publizieren, bringen die Publikumszeitschriften oft geographische Übersichtsartikel, bei denen der Brückenschlag zwischen beiden Geographiebereichen eine wichtige Rolle spielt. Vielleicht wäre hier eine getrennte Analyse sinnvoll.


6    Zu den noch folgenden Analyseschritten
Die beiden Autoren bewerten die erzielten Resultate bewusst nicht in Hinblick auf die Leitfrage, ob die Einheit der Geographie noch oder nicht mehr existiere (es gibt dafür einen „erheblichen Deutungsspielraum“, Aufenvenne/Steinbrink 2015, Teil IV). Dies ist auch sinnvoll, weil es sich um rein quantitative Ergebnisse handelt, die sich erst einmal jeder qualitativen Bewertung (Ist die Brücke tragfähig oder nicht?) sperren.

Um aber ihre zentrale Leitfrage beantworten zu können und „der alten Debatte um die Einheit des Faches einen neuen Schwung zu verleihen“ (Aufenvenne/Steinbrink 2014, S. 45), müssen sie die rein quantitative Ebene verlassen und sich den Inhalten zuwenden: In „Komponente II“ wollen sie die Forschungsschwerpunkte der Brückenakteure und deren „Brückentexte“ mittels Inhaltsanalysen untersuchen, um die „vielbeschworenen ‚Schnittstellenthemen’“ zu identifizieren. Und in „Komponente III“ sollen die „Brückenzitate“ selbst daraufhin befragt werden, welche inhaltlichen Funktionen sie im jeweiligen Argumentationsgang erfüllen.

Sieht man sich das Forschungsdesign näher an, dann geht es in Komponente II zwar um Inhalte, aber die Inhaltsanalysen dienen nur dazu, die aktuellen Schnittstellenthemen zu erfassen, also inhaltliche Themenfelder zu identifizieren und gleichberechtigt nebeneinander zu stellen bzw. aufzulisten – und dabei werden die Inhalte letztlich doch wieder formal behandelt.

In Komponente III aber scheint dann endlich der Inhalt mit der Frage „Warum wird überbrückt?“ im Zentrum zu stehen, und hier würde man eigentlich eine hermeneutische Methode erwarten, die sich auf eine eingehende Textanalyse einlässt. Sieht man sich aber Abbildung 10 (a.a.O., S. 44) an, dann scheint eine andere Logik auf: „Lassen sich verschiedene Funktionen des ‚Brückenschlagens’ unterscheiden?“ Wer so fragt, geht implizit davon aus, dass jedes Brückenschlagen in sich logisch und nachvollziehbar ist und gleichwertig nebeneinander gestellt werden kann, und dass das Endergebnis der Analyse dann darin besteht, die verschiedenen Funktionen, die beim Brückenschlagen innerhalb der Geographie heute existieren, quasi objektiv zu typisieren und zu klassifizieren.

Wer so fragt, geht nicht davon aus, dass es beim Brückenschlagen wichtige qualitative Unterschiede gibt, also z.B. sehr überzeugende, überzeugende, weniger überzeugende und kaum überzeugende Ansätze und dass es ein wichtiges Ziel sein könnte, diese qualitativen Unterschiede herauszuarbeiten und zu bewerten, um auf diese Weise z.B. tragfähige Ansätze zu stärken.

Nach meiner persönlichen Ansicht sind quantitativ-formale Analysen beim Brückenschlag zwischen Physischer und Humangeographie durchaus nützlich und sinnvoll, und sie können zu interessanten Ergebnissen führen, wie die bibliometrische Netzwerkanalyse gezeigt hat, aber sie können m.E. der alten Debatte der Einheit der Geographie nur dann einen neuen Schwung verleihen, wenn sie im Zusammenhang mit gleichzeitig durchgeführten qualitativ-hermeneutischen Ansätzen interpretiert und bewertet werden.


7    Zum Schluss und Ausblick
Positivistische Ansätze gehen in der Regel von allgemeinen Richtigkeiten aus, differenzieren diese nach verschiedenen Aspekten aus und führen diese am Schluss mittels Typisierungen und Klassifizierungen wieder zusammen. Dadurch wird das aktuell vorhandene Wissen zwar konkreter und ausdifferenzierter, aber es entsteht kein wirklich neues Wissen. Qualitativ-hermeneutische Einzelfallanalysen von sehr wenigen, inhaltlich aber relevanten Brückenprojekten lassen sich dagegen auf die konkreten Widersprüchlichkeiten ein, die mit einem solchen Brückenschlag zwangsläufig immer verbunden sind, und versuchen von innen her zu verstehen, wie damit umgegangen wird. Erst dadurch – also durch das intensive Sich-Einlassen auf den Inhalt im Detail – kann sich ein neuer Blick auf eine bekannte Debatte entwickeln, und erst ein solcher „neuer Blick“ könnte m. E. neuen Schwung in diese wichtige Thematik bringen.  


Literatur
Aufenvenne, P./Steinbrink, E. (2015): Brüche und Brücken. Netzwerk- und zitationsanalytische Beobachtungen zur Einheit der Geographie. In: Berichte. Geographie und Landeskunde 88, 2 (im Druck).

Aufenvenne, P./Steinbrink, M. (2014): Säulen der Einheit: Zur Stellung integrativer Autor_innen in der deutschsprachigen Geographie. In: Geographische Revue 16, 2, S. 23-55.

Bätzing, W. (2011): „Neue Kulturgeographie“ und Regionale Geographie. Können die Ansätze der „Neuen Kulturgeographie“ auf die Regionale Geographie übertragen werden? Eine kritische Bewertung vor dem Hintergrund von 30 Jahren Alpenforschung. In: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 153, S. 101-128.

Bätzing, W. (2000): Erfahrungen und Probleme transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung am Beispiel der Alpenforschung. In: K.-W. Brand (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung und Transdisziplinarität. Berlin, S. 85-107.

Bätzing, W. (1991): Geographie als integrative Umweltwissenschaft? Skizze einer wissenschaftstheoretischen Standortbestimmung der Geographie in der postindustriellen Gesellschaft. In: Geographica Helvetica 46, 3, S. 105-109. Gekürzter Nachdruck in: H.-D. Schulz (Hrsg.): Das war/ist geographisches Denken...Bd. 5: Textauszüge von 1946 bis heute. Berlin 2007, S. 195-196 (= Arbeitsberichte Geographisches Institut Humboldt-Universität Berlin, Heft 131).

Hettner, A. (1927): Die Geographie. Ihre Geschichte, ihr Wesen und ihre Methoden. Berlin

Kolb, A. (1962): Die Geographie und die Kulturerdteile. In: A. Leidlmair (Hrsg.): Hermann von Wissmann-Festschrift. Tübingen, S. 42-49.

Meumann, H. (2009): Methodologische Grundprobleme der Inter- und Transdisziplinarität in der Alpen- und Kulturlandschaftsforschung. Duisburg/Köln.

Schmithüsen, J. (1976): Allgemeine Geosynergetik. Grundlagen der Landschaftskunde. Berlin/New York (= Lehrbuch der Allgemeinen Geographie Bd. XII).

 

Zitierweise:
Werner Bätzing 2015: Diskussionsbeitrag zum Forschungsprojekt von Philipp Aufenvenne und Malte Steinbrink und zur „Einheit der Geographie“. In: http://www.raumnachrichten.de/diskussionen/1981-werner-baetzing-zur-einheit-der-geographie

 

Prof. em.Dr. Werner Bätzing
Institut für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg und
Archiv für integrative Alpenforschung (Bamberg)
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