Stephan Günzel: Geophilosophie. Nietzsches pilosophische Geographie. Berlin 2001. 337 S.

Unter den perspektivischen Wenden, die den Sozial- und Geisteswissenschaften in jüngerer Zeit widerfahren sind, hat auch ein vermeintlicher spatial turn von sich reden gemacht. Er betrifft die von geographischer Seite zuweilen mit Befremden zur Kenntnis genommene „Wiederentdeckung" des Raums außerhalb der Geographie.

In weiten Teilen des humanwissenschaftlichen Feldes rücken bislang unproblematisch verwendete, geographische Termini wie „Länder" oder „Regionen" verstärkt ins Zentrum des Interesses. Überdies impliziert der behauptete spatial turn eine mehr oder weniger ausgeprägte Aufmerksamkeit für die Kontexte von kulturellen und soziale Phänomenen. Die Vielfalt von gleichzeitig existierenden kulturellen Erscheinungsformen wirft Fragen nach ihrer räumlichen Verortung auf und konfrontiert historische Verlaufsbeschreibungen mit der Bedeutung von realen oder imaginierten Geographien.
In der Philosophie ist die geschichtskritische Haltung eines „räumlichen Denkens" vornehmlich mit dem Werk von GILLES DELEUZE und FÉLIX GUATTARI verbunden. Die beiden Autoren haben das Motto „Geographie gegen Geschichte" (DELEUZE/GUATTARI, zit. in GÜNZEL, S. 77) zum Kern einer von ihnen selbst so bezeichneten „Geophilosophie" gemacht. Sie erkennen in geographischen Metaphern ein besonderes Potential für die Auseinandersetzung mit herrschenden philosophischen Denkgewohnheiten, weil diese den Primat der Zeit und die in den philosophischen Theorien vorherrschende diachrone Sicht in Frage stellen.
STEPHAN GÜNZEL untersucht die Grundzüge eines geophilosophischen Denkens bei Nietzsche, welcher DELEUZE und GUATTARI zufolge „die Geophilosophie dadurch begründet, dass er die Nationalmerkmale der französischen, englischen und deutschen Philosophie zu bestimmen suchte" (DELEUZE/GUATTARI, zit. in GÜNZEL, S. 59). Mit seiner typisierenden Darstellung philosophischer Denkgewohnheiten widersetze sich Nietzsche jener dominanten geschichtsphilosophischen Haltung, die vor allem Hegel in der Philosophie etabliert hatte – eine Haltung, in der stets die Zeit gegenüber dem Raum privilegiert wurde.
Im ersten Teil seiner Arbeit liefert GÜNZEL eine systematische Darstellung von verschiedenen Denkrichtungen und Disziplinen die im weiteren Sinne geographische Sachverhalte thematisieren und für die Bestimmung der Geophilosophie Nietzsches bedeutsam sind. Bei dieser Sondierung werden unter anderen Entwürfe aus der Geomantik und ihrer nicht-akademischen Version, der Geomantie, aus der Geopolitik, der Geopsychologie (einer in ihren Grundgedanken auf HELLPACH zurückgehenden Vorläuferin der Umweltpsychologie) oder der historischen Landschaftskunde untersucht. Im letzten Kapitel des ersten Teils erfolgt daraufhin eine erste Bestimmung der Konturen einer „kritischen Geophilosophie", die mit der Aufgabe befasst wäre, die „Landschaft des Denkens" zu kartieren.
Im zweiten Hauptteil widmet sich GÜNZEL ausführlich „Nietzsches Geographisierung der Geschichtsschreibung" (S. 77). Im Vordergrund steht dabei die Kritik der Geschichtsphilosophie Hegels mit ihrer eurozentrischen Perspektive. Hegel behandelt die „Geographischen Grundlagen der Weltgeschichte" unter dem Gesichtspunkt einer weitgehend deterministischen Beziehung von Klima/Boden und Geist/Volk. Die Geographie erfährt dabei insofern eine Unterordnung unter die Geschichte, als die Verbindung von physisch-geographischen und geistigkulturellen Gegebenheiten einer geschichtsteleologischen Deutung unterzogen wird. Auf diese Weise können bestimmte Erscheinungsformen dieser Beziehung als „vorhistorische Stufen" begriffen werden, welche bloß „geschichtliche Randphänomene" darstellen. Hegels Darstellung erwecke dadurch den Anschein, als „nähme [sie] sich der realen ‚physischen' Geographie an, wohingegen doch nur die Vorstellung eines eschatologischen Welt- und Geschichtsganges in geographische Koordinaten hineinprojiziert wurde" (S. 109).
Die Umkehrung dieses Verhältnisses von Geschichte und Geographie ermöglicht Nietzsche eine kritische Geschichtsschreibung und eine kulturtheoretische Sicht, wie sie beispielsweise in dem Gedankenexperiment zum Ausdruck kommt, in dem Nietzsche die „Perspektive der Inder" (S. 144) einnimmt. Ein Vorbild für diese „kulturalistische Perspektivierung" ist laut GÜNZEL auch die kartographische Weltdarstellung. Allerdings diene Nietzsches philosophische Geographie „nicht der Festschreibung scheinbar bestehender Verhältnisse, wie dies ein herkömmlicher Kartograph zu tun beabsichtigt, sondern dem entgegen der Öffnung von Festschreibungen" (S. 145). Nietzsche vollziehe dies „durch den Einsatz einer poetologisch-metaphorischen Sprache, durch die bestehende Konnotationen und Referenzen in Denklandschaften metaphorisiert werden" (ebd.).
Diese „metaphorische Kartographie" bildet den Untersuchungsgegenstand des dritten Teils. Dabei werden zuerst die Spuren von Nietzsches Lektüre geographischer und geopolitischer Arbeiten untersucht. Schon RATZEL wandte sich in seiner „Anthropogeographie" gegen die Rolle der Geographie als „Magd der Geschichte". Seiner Ansicht nach ist „ein Grundfehler der üblichen und vor allem aber der idealphilosophischen Betrachtung der Geschichte (…) der Mangel an geographischer Einsicht" (RATZEL, zit. in GÜNZEL, S. 192). Die Geschichtsphilosophie werde, so RATZEL, von Kant auf einen Abweg gebracht, den Hegel „bis zu einem geographisch absurden Punkt" (ebd.) verfolge. An solchen und ähnlichen Stellen machte Nietzsche in seinem Exemplar von RATZELs „Anthropogeographie" seine spärlichen Randnotizen. Über diese nachgewiesene Lektüre hinaus ist es aber vor allem die Korrespondenz mit Heinrich Köselitz, die Nietzsche als Bezugsquelle für geographisches Fachwissen dient.
Vor dem Hintergrund dieser Darstellung von Nietzsches Beschäftigung mit der Geographie untersucht GÜNZEL schließlich dessen Haltung in Bezug auf die (in der Philosophie seit der Antike anhaltende) Frage nach der Bedeutung von klimatischen Faktoren für die geistige und moralische Entwicklung von Individuen und Gruppen. Nietzsches Ausgangspunkt ist zunächst die (verbreitete) Annahme einer starken Abhängigkeit. Er stellt auch Reflexionen über seine eigene Lebenssituation immer wieder unter dem Gesichtspunkt der klimatischen Beeinflussung von Physis und Geist an:
„Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als einem sehr feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit Schrecken an die unheimliche Thatsache, daß mein Leben bis auf die letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel – ebenso viele Unglücks-Orte für meine Physiologie" (Nietzsche, zit. in GÜNZEL, S. 207).
Nietzsche, der im Verlauf seines Leben (auch aus gesundheitlichen Gründen) verschiedene Ortswechsel vornahm und unterschiedliche klimatische Bedingungen in der gemäßigten Zone „ausprobierte", begab sich in seinen Texten auch an exotische und klimatisch „extreme" Orte (Indien, Afrika), um dadurch einen „Blick von ‚außen' auf Europa zu bekommen" (S. 231). Diese Haltung widerspiegle sich auch in Nietzsches „Kulturklima-Modell", in welchem GÜNZEL die Möglichkeit sieht, „aktive Übergänge zwischen den Kulturen denken zu können" (S. 188). Es unterscheide sich in dieser Hinsicht deutlich von historisch dominierten Modellen, in denen solche Wechsel „nur im (weltgeschichtlich bedingten) Kommen und Gehen von Kulturen" (ebd.) konstatiert werden könnten. Nietzsche betrachte Kulturen „als kontingent nebeneinanderliegende, permeable Atmosphären, nicht mehr als notwendig aufeinander folgende, geschlossene Epochen" (S. 266). Vor allem in Also sprach Zarathustra kann diese Abwendung vom historischen Denken durch den Einsatz einer geographischen und landschaftlichen Bildersprache nachvollzogen werden. Nietzsches „geographische Imaginationen" bilden, GÜNZEL zufolge, einen „utopischen Gegenentwurf in territorialmetaphysischer, landschaftlicher Sprache" (ebd.) zum „Geschichtsparadigma in der Philosophie" (ebd.). Sie konfrontieren territorial-räumliche Definitionen mit anderen Raummetaphern und fordern dazu auf, gegen die Naturalisierung politisch-geographischer Ordnungsbeschreibungen zu arbeiten.
GÜNZEL legt mit dieser Arbeit keinen umfassenden Entwurf für eine „neue Geophilosophie" vor – weder verfolgt er ein solches Ziel, noch würde dies dem untersuchten Material gerecht werden. Die Arbeit fasziniert aufgrund ihrer weit verzweigten und facettenreichen Darstellung von (disziplin-) historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhängen sowie durch die Rekonstruktion von Verbindungen zwischen einer „Geographie des eigenen Lebens" und einer „philosophischen Geographie" in Nietzsches Werk. GÜNZELs Text hält sich stets eng an das vorgefundene Material und sperrt sich dadurch gegen eine leichte Lektüre. Die Argumentation hängt oft von sorgfältig kommentierten Details einzelner Textpassagen ab. Die Arbeit liefert aber gerade durch ihre Materialdichte und ihre vielen Verweise einzigartige Einblicke in eine Art der Beziehung von Geographie und Philosophie, wie sie bisher weder in der Geographie noch in der Philosophie
zur Kenntnis genommen wurde.
Autor: Roland Lippuner

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 3, S. 255-256

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