Kreative Verdichtung. Opladen, Berlin, Toronto 2016. Barbara Budrich. 300 S.

vorgestellt von Uwe Prell

Was ist eine Stadt? An dieser Frage scheiden sich nach wie vor die Geister: Ein Teil der Stadtforschung lehnt es rundherum ab, von der Stadt überhaupt zu sprechen, weil die bisherigen Antworten zu nichtssagend sind, ein anderer Teil reduziert die Frage auf die Bedürfnisse der jeweiligen Disziplinen und begnügt sich mit pragmatischen Definitionen. Einen Konsens über das, was eine Stadt ist, gibt es bisher jedenfalls nicht, weder innerhalb, noch zwischen den Disziplinen die Stadtforschung.

Relevant und notwendig ist ein holistisches Verständnis der Stadt jedoch, weil es ohne es weder möglich ist den Gegenstand, um den es geht, einigermaßen präzise zu fassen, noch sich in der ausufernden Stadtforschung zu orientieren, zumal diese zunehmend dazu tendiert immer neue Stadttypen zu kreieren und zu beschreiben: Global City, Multiple City, Shrinking City, Talking City, Smart City, Mobile City, Other City, Frozen City, Ecological City, Private City – das sind nur zehn von einigen hundert aktuellen Beispielen. So schlüssig sie in den jeweiligen Studien entwickelt werden, es erweist sich als kaum möglich ihre Reichweite und Bedeutung zu ermessen. Ein holistisches Stadtverständnis würde das erlauben.

Ausganspunkt der Studie ist diese Fragestellung. Um sie zu beantworten werden im ersten Teil die theoretischen Bausteine für ein modernes Stadtverständnis entwickelt. Dabei wird auf das klassische Erklärungsmodell zurückgegriffen, das versucht Strukturen, Akteure, Prozesse und Rückwirkungen in einen schlüssigen Zusammenhang zu bringen.

Im zweiten Teil verschafft sich die Studie einen Überblick über den Forschungsstand aller Disziplinen der Stadtforschung:

  • Urbanistik, mit ihrem Versuch eines Blicks auf das Ganze,
  • Soziologie und Stadtsoziologie, die Stadt vor allem als Gesellschaft verstehen,
  • Ökonomie, für die Stadt vor allem ein Markt ist,
  • Geographie, Stadtgeographie sowie Raum-, Stadtplanung und Architektur, die auf die Stadt als Planungs- und Gestaltungsraum blicken,
  • Rechtswissenschaft, die Regeln untersucht, nach denen Städte funktionieren,
  • Geschichtswissenschaft, für die Stadt der vielleicht wichtigste Erfahrungsspeicher ist,
  • Philosophie, die Stadt weitgehend normativ betrachtet,
  • Social Science mit ihrem interdisziplinäre Blick und schließlich
  • Politikwissenschaft, deren Begriff der Internationalen Beziehungen durch die Entwicklung der Global City ins Wanken gerät.

Diese Tour d’Horizon bringt drei unerwartete Erkenntnisse: Zum Ersten widerlegt sie den Konsens aller Disziplinen, der Stadtbegriff sei zu allgemein und verfüge über keine trennscharfen Kriterien. Zum Zweiten haben alle Disziplinen ihren eigenen, heuristischen Stadtbegriff. Über die beiden Kriterien Dichte und Vielfalt besteht – zum Dritten – sogar Konsens, ohne dass die Disziplinen diesen je festgestellt hätten. Das ist mehr, als erwartet, ergibt aber noch keinen Stadtbegriff.

Im dritten Teil werden deshalb einflussreiche, exemplarische Positionen analysiert: 1) Aristoteles „gute Stadt“, 2) Werner Sombarts „multifunktionale Stadt“, 3) Max Webers einflussreiches Verständnis von der Stadt als politökonomische Form („Markt“) und seine methodisch bis heute einflussreiche Einführung von Stadttypen, 4) Jürgen Friedrichs radikale Ablehnung eines holistischen Stadtverständnisses, 5) Saskia Sassen epochale Beschreibung der „Global City“ und 6) Ash Amins und Stephen Grahams Plädoyer für die „ordinary city“. Dieser Teil zeigt die Vielfalt, aber auch die Unvereinbarkeit der verschiedenen Stadtbegriffe und führt nicht zu einer Lösung.

Eine überraschende Erkenntnis erbringt stattdessen eine Untersuchung des Wortes Stadt selbst. Die Bedeutungsanalyse des Wortes in ägyptisch, griechisch, lateinisch, spanisch, französisch, englisch, deutsch, russisch, arabisch, hindi, chinesisch und japanisch erbringt ein verblüffendes Ergebnis. Es lässt sich nachweisen, dass in allen Sprachen vier Bedeutungen gleich sind. Dass dazu Dichte und Vielfalt zählen, verwundert nicht. Hinzu kommen jedoch die Bedeutungen Einheit und Infrastruktur, was zusammengenommen einen vergleichsweise scharfen Strukturbegriff der Stadt ergibt.

Weiter fällt auf, dass sich in allen Sprachen spezifische Bedeutungen finden, etwa im Französischen ein urbaner Lebensstil, im Arabischen steht Stadt für Zivilisation, in Hindi für Wohlstand, im Deutschen für Recht, um nur diese Beispiele zu nennen. All diese Bedeutungsinhalte lassen sich als regionale und kulturelle Erfahrungen deuten, mit denen sich spezifische Erfahrungen und ein spezifisches Handeln in den Stadtbegriff eingeschrieben hat.

Im vierten und fünften Teil der Untersuchung werden diese Erkenntnisse zu einem neuen stadttheoretischen Verständnis verknüpft. Dabei wird es möglich die bisherigen struktur- und handlungstheoretischen Ansätze nicht als gegensätzlich, sondern als sich ergänzend zu verstehen. Stadt ist demnach nicht nur eine Form und Struktur, sondern eine spezifische Form des Handelns, das sich, Hans Joas moderner Handlungstheorie folgend, kreativ charakterisieren lässt. In Summe führt das abschließend zur Konstruktion eines neuen Stadtbegriffs. Stadt, so die Essenz der Studie, lässt sich verstehen als Kreative Verdichtung, eine Sicht, die es ermöglicht ein vertrautes Phänomen neu zu sehen.


Inhalt

Neu sehen, was alle kennen                                      

Einleitung
Apodiktische Fragen: Ein neuer Blick auf ein altes Problem
1.    Up in the Air: Was ist eine Stadt?                             
2.    Große Fragen und die Versuchung banaler Antworten                    
3.    Die komplexe Dynamik der Moderne                            
4.    Das Risiko des holistischen Blicks                            
5.    Down to Earth: Die Notwendigkeit des holistischen Blicks 
                 
Kapitel I
Puzzleteile sortieren: Bausteine für ein neues Verständnis der Stadt
1.    Konkretes und abstraktes Wissen                            
2.    Theorietypen                                    
3.    Ursachen und Wirkungen                                
4.    Theoriekonstruktionen                                
5.    Methode und Aufbau der Exkursion                           

Kapitel II
Die erfreulichen Mühen der Ebene: Ein Gang durch die Forschungsdisziplinen
1.    Urbanistik – Versuch eines Blicks auf das Ganze                        
2.    Soziologie und Stadtsoziologie – Stadt als Gesellschaft                    
3.    Ökonomie – Stadt als Markt             
4.    Geographie, Stadtgeographie und Raumplanung – Stadt als planbarer Raum            
5.    Stadtplanung und Architektur – Stadt als Gestaltungsraum                    
6.    Rechtswissenschaft – Stadt als Regelwerk                        
7.    Geschichtswissenschaft – Stadt als Erfahrungsspeicher                    
8.    Philosophie – Stadt als Hoffnung und Enttäuschung                    
9.    Social Science – Interdisziplinäre Blicke                        
10.    Politikwissenschaft – Wege aus dem Niemandsland                     
11.    Essenz – Die Stadt between the buttons                       

Kapitel III
Stadt: Ein Vexierbild – ausgewählte Positionen
1.    Die gute Stadt: Aristoteles’ Stadtbegriff                           
2.    Die multifunktionale Stadt: Werner Sombarts Stadtbegriff                   
3.    Politik, Markt und Stadttypen: Max Webers Stadtbegriff                   
4.    Die dichte Stadt: Louis Wirths Stadtbegriff                       
5.    Kein Stadtbegriff: Jürgen Friedrichs radikaler Schritt                   
6.    Die Global City: Saskia Sassens Stadtbegriff                       
7.    Die gewöhnliche Stadt: Ash Amins | Stephen Grahams Stadtbegriff               
8.    Stadt: Ein Suchbild                                   

Kapitel IV
Paradigmenwechsel: Stadt als Speicher von Wissen und Erfahrung
1.    Konsens I: Stadt ist Verdichtung                           
2.    Konsens II: Stadt ist Vielfalt                               
3.    Konsens III: Stadt ist Einheit                               
4.    Von den Elementen zur Struktur                           
5.    Von der Struktur zum Handeln                           

Kapitel V
Stadt: Kreative Verdichtung
1.    Essenz einer vertrauten, unbekannten Form: Fünf Merkmale der Stadt und ihre Rangordnung   
2.    Primäre Merkmale der Stadt: Verdichtung und Kreativität                   
3.    Sekundäre Merkmale der Stadt: Heterogenität, Einheit, (Infra-)Struktur           
4.    Stadt als strukturgeleiteter, dynamischer Handlungsprozess                   
5.    Theoriefestigkeit der Kreativen Verdichtung                       

Schluss
Kreative Verdichtung – eine Theorie
1.    Wir kennen die Stadt und wissen doch nicht genug                   
2.    Stadt ist Handeln in verdichteten Strukturen                       
3.    Stadt ist eine Antwort! Wie lautet die Frage?                       

Abbildungen, Tabellen                                  
Literatur                                           
Anhang                                           
Essenz der Stadt und der Stadt in der Moderne                          
Dank                                           
Sachregister                                       
Ortsregister                                      
Personenregister                                       

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