Anton Escher u. Sandra Petermann (Hg.) (2016): Raum und Ort. Basistexte Geographie 1. Stuttgart 2016. Franz Steiner. 214 S.

vorgestellt von Anton Escher und Sandra Petermann

Schon wieder ein Sammelband über Räume und Orte? Gibt es hiervon nicht schon genug? Wir denken nein. Nein, weil „Raum“ als grundlegende Kategorie menschlicher Existenz uns hilft, die Welt zu verstehen. Nein, weil deutschsprachige Texte der Geographie im Fokus des Sammelbandes stehen, die in der Flut der disziplinübergreifenden Werke relativ selten abgedruckt wurden. Nein, weil der Sammelband nicht nur deutschsprachige Publikationen einbezieht, sondern auch wichtige Ansätze der französischen und angelsächsischen Diskussion berücksichtigt. Nein, weil wir die ausgewählten Texte als für die Geographie wegweisend und impulsgebend erachten: Der Band ist in unseren Augen insbesondere für Studierende der Geographie hilfreich für das Verständnis unterschiedlicher Ansichten von Raum und Ort – aber auch für die Entwicklung ihres Faches insgesamt.

Die Publikation ist in drei Abschnitte gegliedert. Zunächst steht die deutschsprachige Diskussion unterschiedlicher Raumvorstellungen vor allem nach dem Kieler Geographentag von 1969 im Zentrum des Interesses. Der erste abgedruckte Basistext von Gerhard Hard und Dietrich Bartels, „Eine ‚Raum‘-Klärung für aufgeweckte Studenten“, gilt bis heute mit seiner Konzeption von sieben unterschiedlichen Raumsemantiken als kritisches Standardwerk im Umgang mit dem geographischen Schlüsselbegriff des Raums. Als zweites Basiswerk wird der von Benno Werlen verfasste Aufsatz „Gibt es eine Geographie ohne Raum? Zum Verhältnis von traditioneller Geographie und zeitgenössischen Gesellschaften“ vorgestellt. In ihm argumentiert Werlen, dass es nicht sinnvoll ist, geographische Forschungen, wie lange Zeit üblich, primär auf Räume auszurichten sondern stattdessen vor allem über menschliche Handlungen in ihrer sozialen und räumlichen Bedingtheit zu forschen und somit auf das Geographie-Machen der Menschen zu fokussieren. Peter Weichharts Publikation „Die Räume zwischen den Welten und die Welt der Räume. Zur Konzeption eines Schlüsselbegriffs der Geographie“ kann als Antwort auf Werlens damalige Provokation gelesen werden. Weichhart erklärt hierin nicht nur das theoretische „Urproblem“ der Geographie und führt Poppers Drei-Welten-Theorie zu seiner Klärung an, sondern identifiziert sechs Raumkategorien für die empirische Geographie. Andreas Pott dagegen denkt Raum im vierten Basistext „Systemtheoretische Raumkonzeption“ völlig anders und zieht drei forschungspraktische Konsequenzen für die Geographie. Darüber hinaus entwickelt er basierend auf Luhmanns Systemtheorie einen beobachtungstheoretischen Ansatz und plädiert dafür, Raum als Medium der Wahrnehmung und Kommunikation (bestimmt durch die Differenz von Medium und Form) zu betrachten.

Der zweite Abschnitt des Sammelbands ist durch Beiträge der französischen Sozialphilosophie zur deutschsprachigen Geographie im Rahmen der „French Theory“ gekennzeichnet. Besonders stark hat Pierre Bourdieu mit seinem Artikel „Ortseffekte“ die geographische Diskussion über Räume und Orte bereichert. Hierin setzt er sich mit der Wechselwirkung von Sozialraum und physischem Raum sowie der Korrespondenz der sozialen und räumlichen Positionierungen von Akteuren, Gütern und Dienstleistungen auseinander. Bourdieu schlussfolgert, dass sich im physischen Raum soziale Strukturen, Hierarchien und Machtverhältnisse (die wiederum vom Kapitalbesitz eines Akteurs abhängen) widerspiegeln. Doch auch Michel Foucault hat mit dem Aufsatz „Andere Räume“ (auch Heterotopien genannt) einen Basistext für zahlreiche geographische Überlegungen geschrieben. Er geht davon aus, dass Heterotopien (wie beispielsweise Gefängnisse, Museen und Schiffe) Gegenräume zu gesellschaftlichen Verhältnissen darstellen, sie umkehren, neutralisieren oder negieren.

Die angelsächsische Diskussion steht im Zentrum des dritten Abschnittes. Als ein prominenter, die deutschsprachige Geographie bereichernder Vertreter ist zunächst Yi-Fu Tuan mit seinem Aufsatz „Space and Place: Humanistic Perspective“ zu nennen. Er stellt sich mit seinem Ansatz des „Sense of Place“ dem geometrisch-analytischen Raumverständnis entgegen, betont körperlich-subjektive Erfahrungen und stellt so das menschliche Subjekt in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. David Harvey dagegen setzt sich in seinem Beitrag „Zwischen Raum und Zeit. Reflektionen zur Geographischen Imagination“ vor allem mit den Begriffen von Raum und Zeit in der Ära des Kapitalismus auseinander. Durch den Prozess einer von ihm identifizierten Raum-Zeit-Verdichtung werden Orten zunehmend Bedeutung zugeschrieben, um im zunehmend globalen Wettbewerb bestehen zu können. Der den Sammelband abschließenden Aufsatz „A Global Sense of Place“ von Doreen Massey betont ein Raumverständnis das insbesondere darauf abhebt, dass sich Bedeutungszuschreibungen prozessual ändern, Räume keine klaren Grenzen aufweisen, sie sich nicht durch eine bestimmte Identitäten auszeichnen und dennoch keiner der vorangegangenen Punkte die Einzigartigkeit von Räumen verneint.


Das Inhaltsverzeichnis finden Sie auf den Seiten des Steiner-Verlags: http://www.steiner-verlag.de/uploads/tx_crondavtitel/datei-datei/9783515091213_i.pdf

 

Kontakt:
Prof. Dr. Anton Escher
Geographisches Institut
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
J.-J. Becherweg 21
55128 Mainz
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Dr. Sandra Petermann
Geographisches Institut
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
J.-J. Becherweg 21
55128 Mainz
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

zurück zu raumnachrichten.de

Kommentar schreiben