Bernd Belina u. Boris Michel (Hg.): Raumproduktionen: Beiträge der Radical Geography. Eine Zwischenbilanz. Münster 2007. 308 S.

Einleitend bemerken Hg., dass in der BRD nach 1945 "jede auf ›Raum‹ fokussierende Gesellschaftstheorie aus linker Perspektive diskreditiert" gewesen sei, denn das Diktum von Horkheimer und Adorno war prägend: "Der Raum ist die absolute Entfremdung" (10). Dass dabei Raum mit dem ›Unbewegten‹ und ›bloßer Natur‹ gleichgesetzt wurde, verstellte die Möglichkeit einer "theoretischen Befassung mit der aktiven Produktion des Raums, in der Henri Lefebvre ganz im Gegensatz dazu die Voraussetzung der Überwindung kapitalistischer Entfremdung sieht" (ebd.). Hg. halten Ansätze wie letzteren für fruchtbarer und wollen den Mangel an kritischer Raumforschung hierzulande beseitigen helfen.

Der vorliegende Band versammelt erstmals in deutscher Übersetzung zehn grundlegende Texte der anglophonen Tradition der radical geography aus den Jahren 1984-2002, gegliedert in einen theoretischen und einen empirischen Teil, der konkrete Fallstudien zur Raumforschung enthält. Die radical geography entstand Ende der 1960er Jahre in den USA als Reaktion auf drängende soziale Probleme und auf der Suche nach Wegen sozialen Wandels. David Harvey, der den Orientierungswechsel von der positivistischen, quantitativen Geographie zum Marxismus am ausführlichsten begründet hat, wurde schnell zu ihrem Leitstern - erst später integrierte sie auch Elemente poststrukturalistischer, postkolonialer und feministischer Theorie. Als Harvey 1969 aus dem beschaulichen englischen Cambridge nach Baltimore berufen worden war, überraschte ihn die Heftigkeit der dortigen Bürgerrechtskämpfe (23). In den hier vorgelegten Arbeiten sind Nachbeben dieser Revolten auf verschiedene Weise spürbar.
Im empirischen Teil beschreibt Eugene McCann Rassenunruhen in der gespaltenen Kleinstadt Lexington/Kentucky und die Schwarz-Weiß-Malerei der lokalen Presse. Er wendet dabei Lefebvres Prisma von räumlichen Praktiken, Räumen der Repräsentation (z.B. in Karikaturen) und der kartographischen Repräsentation an (251). In Kämpfen um deren Artikulation würden punktuell "abweichende" oder "Gegenräume" geschaffen (255). Andy Marrifield will am Beispiel des Hafenquartiers von Baltimore "den ›neuen Urbanismus‹, der sich im Raum ausbreitete", zusammenbringen mit der "lokalen Alltagsgeschichte echter Leute, die darum kämpften, sich an einem Ort einzurichten, der sich plötzlich ›im Strudel globaler und lokaler Kräfte‹" befand (207). Dieser Ort, eine stillgelegte Konservenfabrik, wurde zum Schauplatz erfolgreichen lokalen Widerstands gegen eine geplante Umnutzung durch Bessergestellte (gentrification). Er wird im Kontext gewaltsamer Deindustrialisierung verständlich, die Baltimore hart traf, da es in dem ehemaligen Sklavenumschlagplatz kaum andere als Industriearbeitsplätze gab. Cindi Katz zeigt am Beispiel der Grand Central Station in New York, wie die einstige Führungsstadt des Fordismus durch Konzernabwanderungen zu neoliberalen Umstrukturierungen veranlasst wurde, um die Innenstadt für leitende Angestellte passabel und daher v.a. Obdachlose "unsichtbar zu machen" (165). Es gelte daher, "den unterschiedlichen Linien der Unterdrückung und Ausbeutung" folgend, "Fragen sozialer Reproduktion mit denen globalisierter Arbeitsplätze und ökologischen Niedergangs zu verbinden" (171f). Don Mitchell beschreibt eine Vielzahl lokaler und staatlicher "Anti-Obdachlosen-Gesetze" in den USA, die von höheren Instanzen nur teilweise (z.B. bei Bettelei-Verboten) widerrufen werden konnten. Er interpretiert die Verbote, auf öffentlichen Straßen zu sitzen, zu schlafen oder sich unbotmäßig zu verhalten, als "Vernichtung des Raums per Gesetz" (256), die v.a. die Obdachlosen betraf. "Die eigentlich unvorstellbare Konstruktion einer grausamen öffentlichen Sphäre ist ein hoher Preis, den wir für eine attraktive Innenstadt zu zahlen bereit sind" (289). Andrew Herod dagegen plädiert mit dem Term "Arbeitsgeographie" für eine klassentheoretisch fundierte Kritik der konventionellen "Geographie der Arbeit", welche Menschen nur als Standortfaktor betrachtet (173ff). Er bemängelt die einseitig kapitalbezogene Sichtweise bürgerlicher Lokalisierungstheorien wie auch deren marxistische Tradierung z.B. in Harveys Rede vom "spatial fix" räumlicher Umstrukturierungen. Er verweist auf Gewerkschaften von Hafenarbeitern an der US-Ostküste, denen es gelang, Arbeitsplatzeinbußen durch Containerisierung mit regionalisierten Tarifverträgen in Grenzen zu halten. - Bemerkenswerte Parallelen zum Ansatz von Herod finden sich in den Arbeiten des "Arbeitskreises Arbeitsorientierte Regionalwissenschaft", den es seit Mitte der 1970er Jahre in der BRD gab (vgl. Tjaden in Das Argument 107, 1978). Die strategische Relevanz der Kritik Herods hätte gerechtfertigt, seinen Beitrag in den theoretischen Teil aufzunehmen.
In diesem diskutiert Derek Gregory Differenzen der Raumtheorien von Harvey und Lefebvre: Wo Harvey Zeit-Raum-Kompression als innere Tendenz von Kapitalakkumulation auffasst, spricht Lefebvre von Raum-Zeit-Kolonisation als "nach außen gerichteter Bewegung " (152). Letztere impliziere die "Verantwortung, die sich verändernden Konstellationen innerhalb dieser sich wandelnden lokal-globalen Geographien zu kartieren" (ebd). In seinem eigenen Beitrag fragt Harvey nach dem Verhältnis des Faches Geographie zur "Gesellschafts- und ästhetischen Theorie", da letztere "sehr an der ›Verräumlichung der Zeit‹ interessiert" sei (53). Sein Projekt eines geographischen und historischen Materialismus stützt sich nämlich, anders als eine Kritik der Warenästhetik, getrennt von politisch-ökonomischer Tendenzanalyse auf ästhetische Raumerfahrung. Emphatisch verweist er darauf, dass Heidegger "das Sein und die spezifischen Qualitäten des Ortes gegenüber dem Werden" vorziehe (55). Doreen Masseys feministische Kritik der binären Entgegensetzung von Zeit und Raum, die sie bei Ernesto Laclau und Fredric Jameson wiederfindet, setzt dagegen auf "eine Vorstellung von Raum [...] wie sie in der ›modernen Physik‹ verwendet wird" (127). Edward Soja beschreibt Wechselwirkungen von Marxismus und moderner bis postmoderner Geographie als "Verräumlichungen". Neil Smith setzt "Produktion des Raums" in Bezug zu ›ungleicher Entwicklung‹: die "Aufteilung der Welt in unterentwickelte und entwickelte Teile" könne "nur in den Begriffen des geographischen Raums als Ganzem verstanden werden" (69). So lässt sich lernen, wie man überhaupt global denken und lokal handeln kann.
Rolf Czeskleba-Dupont

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 933-934