Nicos Poulantzas: The Poulantzas Reader. Marxism, Law, and the State, edited and introduced by James Martin. London-New York 2008. 438 S.

Der Band ist als Überblickswerk konzipiert und versammelt zentrale Texte aus den unterschiedlichen Schaffensphasen. James Martin liefert zudem eine gute und verständliche Kontextualisierung der unterschiedlichen Artikel und der gesellschaftlichen und theoretischen Kontroversen, in denen sie entstanden sind.

Die frühen rechtstheoretischen Werke von Poulantzas (25-74), in denen er noch unter dem Einfluss von Sartre stand, werden dem internationalen Publikum dabei zum ersten Mal zugeführt. In den folgenden Kap. 3 bis 5 zeigt sichb dann immer stärker der Einfluss von Althusser. Poulantzas wendete sich nach und nach sowohl von dem direkten Interesse am Recht als auch am existenzialistischen Marxismus ab, um sich stattdessen dem Staat als einem unmittelbar politischen Objekt marxistischer Analyse zuzuwenden (Martin, 7). In den Kap. 7 und 11 wurden zwei Texte aufgenommen, die im Kontext einer der zentralen staatstheoretischen Kontroversen, die in den letzten Jahrzehnten im Marxismus stattgefunden haben, entstanden sind. Der erste der beiden Texte stellt Poulantzas Reaktion auf Milibands Buch The State in Capitalist Society dar, der ursprünglich 1969 in der New Left Review publiziert wurde. Poulantzas warf Miliband hierin vor, eine zu personalisierte Vorstellung von Macht (175ff) zu vertreten und damit der Komplexität kapitalistischer Herrschaft nicht gerecht zu werden. Insbesondere fehle ihm ein Begriff von objektiven Strukturen, in denen die Menschen zu Trägern von Funktionen werden. Bei Miliband erscheinen dementgegen Klassen mitunter reduziert auf interpersonale Beziehungen. Aus Poulantzas’ Sicht war der Staat zudem keine Institution, die von Klasseninteressen instrumentalisiert wurde; vielmehr war der Staat immer schon ein Klassenstaat, dessen Funktion darin besteht, Kohäsion herzustellen – dabei müssen die Interessen der herrschenden Klassen und des Staates keineswegs identisch sein (178ff). Die Kontroverse zwischen Miliband und Poulantzas ist ein gutes Beispiel für die unterschiedlichen Perspektiven von strukturalistischem und einem  funktionalistisch argumentierenden Marxismus.
Der zweite Text dieser Kontroverse, der in den Reader aufgenommen wurde, erschien 6 Jahre später ebenfalls in der New Left Review. Er repräsentiert nach dem Erscheinen von »Faschismus und Diktatur« (die hier entwickelte Klassenanalyse fi ndet sich in den Kap. 6 und 10) und »Klassen im Kapitalismus heute« (Kap. 8 und 9) eine neue Phase in Poulantzas’ Werk und kann so auch als Rückblick gelesen werden. In ihm zeigt sich Poulantzas allmähliche Distanzierung vom Strukturalismus Althussers. Zwar kritisiert er abermals Milibands Empirismusund verweist auf die fehlende Theorie in Milibands Werk (271ff), gleichzeitig stimmt er Laclaus Kritik, dass es einen »gewissen Formalismus« in seinem frühen Werk gebe, zu (274f). Sein zentrales Argument, dass der Staat aus der Trennung von Ökonomie und Politik heraus verstanden werden muss, nahm er aber keineswegs zurück (Martin, 15). An ihm arbeitete er weiter, was auch in den folgenden Texten des Readers zum Ausdruck kommt.
Seine staats- und klassentheoretischen Arbeiten, die in den letzten Jahren in Großbritannien und im deutschsprachigen Raum ein Revival erlebt haben, werden durch die Kap. 8, 9, 12, 13 repräsentiert. Hier entwickelt Poulantzas seine relationale Klassentheorie (186ff) sowie sein Verständnis der Internationalisierung der kapitalistischen Verhältnisse und der Transformation des Staates (220ff). Von besonderem Interesse ist sicherlich Kap. 12, in dem Poulantzas versucht, das Verhältnis von Krise und Staat zu fassen. Die Frage nach dem Zusammenhang von ökonomischer Krise, politischer Krise und einer Krise des Staates hat durch die jüngste Finanzmarktkrise an Brisanz hinzugewonnen. Dem auch heute wieder bei manchen Marxisten zu beobachtende Reflex, in der Krise hauptsächlich eine Chance für emanzipatorische Veränderungen zu sehen, wird hier die Grundlage entzogen. Eine politische Krise zeichnet sich demnach durch eine Verschiebung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse aus. Dies geschieht oft erst Jahre nach der ökonomischen Krise, mitunter sogar erst, wenn die ökonomische Krise schon ›gelöst‹ ist. In welch unterschiedliche Richtung diese Verschiebung gehen kann, zeigt die Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933 und auf der anderen Seite die Volksfrontregierung in Frankreich 1936 (299).
In Kap. 16 beschäftigt sich Poulantzas mit der Krise des Marxismus. Die Schwierigkeiten des Marxismus sieht er in Bezug auf eine Theorie der Ideologie, auf die neuen sozialen Bewegungen, das Rechtssystem und auf eine Theorie der Gerechtigkeit, die es erlaubt, ein Konzept von Menschenrechten und Freiheit zu entwickeln, das sich klar von dem des Neoliberalismus unterscheidet, sowie in Bezug auf Fragen demokratischer Rechte und direkter Demokratie oder revolutionärer Strategien (386). Zwar wurden seitdem Fortschritte auf vielen der genannten Gebieten erzielt. Befriedigende, den unterschiedlichen Strömungen gemeinsame theoretische Perspektiven konnten aber kaum entwickelt werden.


Die ausgewählten Texte machen nicht nur Poulantzas’ Relevanz für heutige theoretische und politische Auseinandersetzungen deutlich, sie dokumentieren auch seine Denkentwicklung. Die Zusammenstellung der Texte hält auch für Leute, die sich schon länger mit Poulantzas beschäftigen, Überraschungen bereit. Für Einsteiger wird der Reader trotz der guten Einleitung von Martin nicht immer leicht zu verstehen sein.
Jens Wissel

 

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, S. 358-359