Lothar Zögner: Kartenschätze aus den Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin. Unter Mitarbeit von Klaus Lindner und Gudrun K. Zögner, hg. v. Antonius Jammers. Braunschweig 2000. 144 S.

Unter Mitarbeit von Klaus Lindner und Gudrun Zögner hat Lothar Zögner eine Auslese aus den reichen Kartensammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin vorgenommen, um die charakteristischen Merkmale dieser Sammlungen vorzustellen. Das ist durchaus gelungen. Der Band vermittelt einen Einblick in die Vielfalt und den Reichtum dieser Sammlungen und regt zu weiterer Beschäftigung mit ihnen an.

Beschrieben sind 76 Karten, in der Regel auf einer Doppelseite, mit vollständig abgebildetem Objekt, wobei nicht viel Platz bleibt für die textlichen Erläuterungen, die im Durchschnitt etwa 200-300 Wörter umfassen, zumeist mit kartengeschichtlichen Erläuterungen. Die Auswahl beginnt mit deutschen Inkunabeln: Karten aus der Ulmer Ausgabe der Geographia von Ptolemäus sowie Weltkarten von Hartmann Schedel, Nicolaus Germanus, Peter Apian, Lorenz Fries, Johannes Stabius und Albrecht Dürer. Dann folgen im Detail die Italiener: Von Buondelmonte, Maggiolo und Vigliarolo und dem von ihnen beeinflussten Piri Re'is werden Insularii und Portulane gezeigt. Nördlich der Alpen setzt sich das fort mit den frühen regionalen Aufnahmen Mitteleuropas. Nach Europakarten (z.B. von Zell und Metellus) werden Karten einzelner Regionen beschrieben (von Waldseemüller, Lazius, Murer, Tilemann Stella und Quad). Im Laufe des 16. Jahrhunderts verlagert sich die Produktion in den Nordwesten Europas, in die Niederlande: Material daraus ist mit 20 Beispielen - wenn wir Mercator mitrechnen - gut vertreten. Aus der Ostasiatischen Sammlung werden chinesische und Japanische Manuskriptkarten präsentiert. Dann folgen wieder deutsche Karten: Ergebnisse der frühen Landesaufnahmen (Hannover, Sachsen, Rheinland), schließlich die vielfach mit Berlin assoziierten geo- bzw. kartographischen "Riesen" des 19. Jahrhunderts: Klaproth, Ritter, von Humboldt, Berghaus. Aber außer diesen Beispielen aus den größeren Werkbeständen hat Zögner auch einige seltene Einzelkarten zur Aufnahme ausgewählt, in höchst gelungener Weise, mit gelegentlichen Überraschungen: Dürers Weltkarte, die Globensegmente von Coronelli, die Weltkarte von Philip Eckebrecht, eine Portolankarte Mittelamerikas von Antonio Millo oder Ewalds Höhentableau der Erde. Dabei ziehen sich auch einige thematische Verbindungen durch die Sammlung, so z.B. die Reliefdarstellung (Ritter, Ewald, von Wyher, Pokorny, von Humboldt) oder die Hydrographie (Van Keulen, Lochner, Cruquius, Zimmermann). Die Reproduktionstechnik ist adäquat; in Einzelfällen hat man allerdings den geographischen Informationsgehalt der vollständigen Darstellung des Objekts untergeordnet; so sind auf den Portolankarten (z.B. von Hessel Gerritsz oder Millo), auf Blaeus Wandkarte von Mitteleuropa oder auf der auf Seide gedruckten Karte Halberstadts die geographischen Namen unlesbar. Wünschenswert wäre darüber hinaus ein Hinweis auf inhaltliche Bezüge zwischen den Karten des jeweils selben Gebiets gewesen, so bei den Karten zu Lothringen (von Waldseemüller, Arnold Mercator und Quad) oder jenen der Inseln der Ägäis (Buondelmonte, Piri Re'is, Anonymus). Bemerkenswerte Geoinformationen in den Karten sollten hervorgehoben werden: Auf Waghenaers Karte von Portugal ist z.B. Sout landt mehrfach eingetragen, was auf Salzgarten deutet; bei Coronellis Erdglobus könnte man die Gegenüberstellung vom Mare del Nort zum Mare del Sud erwähnen; die Antarktiskarte von 1645 zeigt links unten die von Lemaire im Pazifik entdeckten Inseln. Die aufgenommenen Indianerbilder sind ein interessantes Beispiel für Recycling: Ursprünglich stammen sie von Van Noort, der sie in Patagonien zeichnete. Scheuchzers Karte des Schweizerlandes stellt auch die Religionszugehörigkeit dar: Orte mit Kreuzchen-Symbol sind römisch-katholisch, jene ohne Kreuzchen sind reformiert! Kartenhistorisch sind die Kommentare sehr gelungen; die Kartographen werden gut charakterisiert und in ihre Zeit eingebettet, ihr Beitrag zur Entwicklung der Kartographie insgesamt wird angemessen bewertet - hier zeigt sich der Fachmann! Ich schätze vor allem, wie bei Maggiolo die Aufmerksamkeit auf die Darstellung der Stadtvignetten gelenkt wird (die zeigen sollen, wie Genua seinem Rivalen Venedig überlegen ist!); bei von Schmettau oder Tranchot beinhalten die Kommentare eine Legende und eine Deutung der Karten; die Kommentare zu Berghaus und von Humboldt heben auch die von den beiden initiierte Integration von Karte, Abbildung, Diagramm und Profil hervor. Interessant sind schließlich noch die Spuren früherer Nutzung der Karten: auf Pokornys Ungarnkarte ist z.B. die Grenzevon Trianon mit Farbstift eingetragen.

Autor: Ferjan J. Ormeling

Quelle: Die Erde, 135. Jahrgang, 2004, Heft 1, S. 126-127

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