Harald Bodenschatz: Berlin Urban Design. A Brief History. Berlin 2010. 140 S.

Die «Allgemeine Städtebau-Ausstellung», die die damals noch junge Großstadt Berlin als Labor für städtebauliche Visionen weltweit bekannt gemacht hat, war ein grosser Erfolg. Die Internationalen Bauausstellungen von 1957 (Interbau) und 1984/87 (IBA Berlin) haben jeweils Wege aufgezeigt, in welche Richtung die Stadt sich baulich entwickeln sollte. Berlin ist ein Ort permanenter Präsentationen der Entwicklungslinien des Städtebaus, ein lebendiges Laboratorium für innovatives Bauen, ein Museum der modernen Stadtbaugeschichte.

Die kurze Geschichte des Städtebaus, die zeitgleich in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht wurde, ist eine eindrucksvolle Hommage an 100 Jahre Bauen und Planen in Berlin. Der Band ist ein sachkundiger und gut lesbarer Stadtführer zur Geschichte des Städtebaus in Berlin, eine Anleitung zum Lesen der Stadt, nicht nur für Architekten und Stadtplaner. Es dokumentiert die Visionen und Bemühungen von Architekten und Städtebauern, die Stadt Berlin für Bewohner lebenswert, für die Wirtschaft funktionsfähig und für Besucher attraktiv zu machen.
Der grosszügig illustrierte, aber nicht bildüberlastete Band zeichnet den langen Weg der Stadt Berlin auf dem Weg von der durch die preussischen Könige errichteten Friedrichs- und Dorotheenstadt über die größte Mietskasernenstadt der Welt zur fragmentierten kreativen Metropole des 21. Jahrhunderts auf. Es beschreibt die ersten Anfänge der Stadtentwicklung im 17. Jahrhundert, den für die Stadtentwicklung so wichtigen Hobrecht-Plan von 1862. Es folgt die Schilderung, wie die neue Hauptstadt des Deutschen Reiches und der industriellen Großstadt in den Jahren zwischen 1871 und 1918 in einer Geschwindigkeit gebaut wurde, wie sie heute nur mehr in den grossen Städten Chinas zu beobachten ist. Der Wettbewerb für Gross-Berlin (1908–1910), dessen Ergebnisse von Werner Hegemann in der einflussreichen Städtebauausstellung von 1910 gezeigt wurden, und die Gartenstädte, die der aufstrebenden Mittel- und Oberklasse der Stadt das Wohnen im Grünen ermöglichten, werden dokumentiert, auch die Wohnsiedlungen von Bruno Taut, Hans Scharoun, Otto Rudolf Salvisberg, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts geplant und gebaut wurden, und die erst vor kurzem in die Liste der UNESCO-Denkmäler aufgenommen und damit endgültig geschützt wurden. Die geplante Umgestaltung der Reichshauptstadt durch Albert Speer, die ein verlorener Krieg verhindert hatte, darf in dieser Dokumentation der städtebaulichen Entwicklung der Stadt nicht fehlen. Die ersten städtebaulichen Planungen zum Wiederaufbau der zerstörten und geteilten Stadt nach dem Krieg werden vorgestellt, wie die Stalinallee, der Alexanderplatz und Marzahn im Osten der Stadt, sowie das Hansaviertel und das Märkische Viertel im Westen Berlins. Die Periode der konfliktreichen Auseinandersetzungen um den Erhalt der vom Krieg nicht zerstörten Stadtquartiere im Westen, um die Rekonstruktion des Nikolaiviertels im Osten der Stadt wird nicht ausser Acht gelassen.
Die Herausforderung der Stadtplanung, die lange geteilte Stadt nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 auch baulich wieder zusammenzuführen, wird anhand der grossen Projekte Regierungsviertel, Potsdamer Platz, Hauptbahnhof und Media-Spree präsentiert. Die konfliktreichen Auseinandersetzungen um das Planwerk Innenstadt, das eine kritische Rekonstruktion der Mitte Berlins angestoßen und begleitet hat, werden sehr zurückhaltend erläutert, auch die noch nicht endgültig ausgestandenen Bemühungen um den kontrovers diskutierten Wiederaufbau des Berliner Schlosses, des zukünftigen Humboldt-Forums. Die wenigen und nicht ganz erfolgreichen Versuche, die städtebauliche Entwicklung am Rand der Metropole durch Vorstadtsiedlungen mit eigener Identität vor gesichtsloser Suburbanisierung zu bewahren, werden beschrieben, während der weitgehende Verzicht auf die Darstellung der Gentrifizierungsprozesse in Berlin Mitte, am Prenzlauer Berg und in Friedrichshain hingegen überrascht. Der Band endet mit einem Bild des neuen internationalen Flughafens in Schönefeld, der im Jahre 2012, also 22 Jahre nach der Wiedervereinigung der Stadt, eröffnet wird, und der Berlin noch besser für diejenigen zugänglich machen wird, die die ständige Städtebauausstellung Berlin besuchen wollen. Das Résumé, in dem der Autor Berlin als die  Referenzstadt par excellence für europäischen Urbanismus skizziert, bleibt etwas hinter dem Anspruch zurück, die Stadt als ein lebendiges Museum des Städtebaus darzustellen und in der internationalen Öffentlichkeit über die Welt der Architekten und Stadtplaner hinaus zu etablieren.
Der Autor dokumentiert und beschreibt in diesem Band mehr als dass er analysiert. Er beschränkt sich auf die physischen, die städtebaulichen Dimensionen. Die politischen Hintergründe und Debatten, die die Bürger der Stadt, aber insbesondere die Gemeinschaft der Städtebauer in Berlin immer wieder bewegen und oft auch spalten, werden nur am Rande und zwischen den Zeilen  angesprochen. Trotzdem wird deutlich, dass es in der Stadt immer lebendige Diskurse um die bauliche Gestalt gibt. Die Dokumentation ist ausgewogen, auch wenn sie die Beschreibung der politischen, sozialen, ökologischen und vor allem wirtschaftlichen Bedingungen der baulichen Entwicklung der fragmentierten Stadt etwas in den Hintergrund verbannt. Jedenfalls bereitet der Band insbesondere Nicht-Berliner auf den nächsten fachlichen oder privaten Besuch in der Stadt vor. Der Band macht neugierig, mehr darüber zu lesen und zu lernen, was in dieser Stadt geschieht, wenn es um die bauliche Gestaltung von Lebenswelten in einer modernen Großstadt geht.
Das Buch kommt zu einem Zeitpunkt auf den Markt, zu dem sich Berlin als kreative Stadt weltweit vermarktet. Viele junge und an kulturellen Erkundungen interessierte Touristen kommen in die Stadt, weil sie immer in Bewegung ist, weil sie offen ist, auch weil sie, wie wenig andere große Städte in Europa, selbst für Besucher erlebbar ist, die nicht über großzügige Reisebudgets verfügen. Die illustrierte Geschichte des Städtebaus in Berlin ist ein schönes Geschenk für Besucher und Gäste. In seiner englischen Fassung ist der Band eine ausgezeichnete Einführung für internationale Studierende und Gastwissenschaftler, die nach Berlin kommen, um hier das Studium aufzunehmen, ein Sabbatjahr zu nutzen, an einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten oder auch nur ein ERASMUS-Semester zu verbringen. Die Universität sollte es ihnen zur Begrüssung überreichen. Das Buch zeigt ihnen, in welchem Umfeld sie in den Wochen, Monaten oder Jahren danach leben und lernen, bevor sie im Alltag der Arbeit keine Zeitlücken mehr finden für gezielte Erkundungen der lebendigen Städtebauausstellung.
Die nächste Auflage, die sicher bald vorbereitet werden muss, könnte noch etwas verbessert werden, durch ein Register beispielsweise, durch Hinweise auf nützliche Websites und auf weiterführende Literatur über Berlin in englischer, französischer oder spanischer Sprache. Die gut lesbare, aber doch eng am deutschen Sprachstil ausgerichtete englische Übersetzung könnte bei dieser Gelegenheit noch einmal von einem sprachgewandten Städtebauer aus England durchgesehen werden.

Noch etwas: Beijing, Shanghai und andere grosse Städte in China haben eindrucksvolle Museen zur Stadtentwicklung. Berlin hat an der TU ein Architekturmuseum und ein grosses Stadtmodell beim Senator für Stadtentwicklung. Doch beides ist nur Fachleuten bekannt. Das Buch von Harald Bodenschatz könnte den Anstoss geben, in Berlin ein längst fälliges Museum für Architektur und Stadtplanung einzurichten. Nur wenige Städte in Europa haben in den letzten hundert Jahren so viele Anstösse zur städtebaulichen Entwicklung gegeben wie Berlin. Die denkmalgeschützte Empfangshalle im aufgelassenen Flughafen Tempelhof wäre ein idealer, ein attraktiver und geschichtsträchtiger Ort für ein solches Museum. Es würde eine große Lücke in der ansonsten reichen Museumslandschaft der Hauptstadt Berlin schliessen.
Klaus R. Kunzmann


Quelle: disP 182,3/2010, S. 82-84
 

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