Stefan Bege: Das Konzept der Metropolregion in Theorie und Praxis. Ziele, Umsetzung und KritiStefan Bege: Das Konzept der Metropolregionk. Wiesbaden 2010. 358 S.

Die späte Aufnahme der Region Nürnberg in den Kreis deutscher „Metropolregionen von europäischer Bedeutung“ veranlasste den Verfasser, im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Nürnberg- Erlangen der Frage nach den theoretischen Grundlagen des neuen raumordnerischen Konzepts nachzugehen und Abgrenzungskriterien zu definieren, „um einer Inflation des Titels ‚Metropolregion‘ vorzubeugen“ (S. 7). Doch dazu war es bereits zu spät, denn 60 % der Fläche, 70 % der Bevölkerung und 74 % der Wirtschaftskraft Deutschlands gehörten bereits zu Metropolregionen.

Deren Auswahl und Anerkennung orientierte sich nicht an Ausstattungsnormen und Schwellenwerten, sondern ist das Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses zwischen Bund und Ländern. Zur theoretisch-konzeptionellen Fundierung der Metropolregion (Kap. 3) wird der klassischen Theorie zentraler Orte eine Schlüsselstellung zugewiesen, ergänzt durch Elemente des Wachstumspolkonzepts und Ansätze der Neuen Politischen Ökonomie. Wohl um die Theorie zentraler Orte authentisch darzustellen, greift der Verfasser auf Christaller 1933 zurück. Alles, was nach ihm zur Weiterentwicklung der Theorie, zu ihrer empirischen Evidenz und zur Anwendung des Systems zentraler Orte in der Raumordnung veröffentlicht wurde, kommt im Theorieteil nicht vor – jedenfalls nicht in den Fußnoten zum Text oder im Literaturverzeichnis am Schluss. Die 15 Kritikpunkte zur Theorie zentraler Orte (S. 64ff.) lassen jedoch erahnen, auf welchen Quellen sie beruhen. Ausgenommen von der Abstinenz des Verfassers gegenüber der neueren Zentralitätsforschung ist Blotevogel, der häufig zitiert wird, doch nicht als Herausgeber und Autor des Sammelbandes „Fortentwicklung des Zentrale-Orte-Konzepts“ (den Bege nicht hätte übersehen dürfen), sondern vor allem wegen seiner Anregung, das hierarchische System zentraler Orte durch Einbeziehung hochrangiger Kontroll-, Innovations- und Gateway-Funktionen „nach oben“ zu erweitern. Dieser von Bege zur „Funktionentheorie“ erhobene Ansatz (der nichts mit dem gleichnamigen Teilgebiet der Mathematik zu tun hat) wird am Ende des 100 Seiten umfassenden Theorieteils mit dem zentralörtlichen System zum Konzept der Metropolregionen verbunden. Auf der Suche nach einem theoretischen Fundament hätte die Auswertung der relevanten Fachliteratur zu einem überzeugenderen Ergebnis geführt; zudem hätte sie dem Autor (und dem Leser) viel Mühe erspart. Zu Beginn des methodischen Teils beklagt der Verfasser erneut, dass „weder von wissenschaftlicher noch von politischer Seite ein verbindlicher Katalog von Merkmalen“ für Metropolregionen xistiert. Daher bestehe „das Risiko, dass die Anerkennung … eher durch politische Interessen als durch den tatsächlichen Metropolcharakter des Gebietes begründet ist“ (S. 134). Dabei verkennt er, dass der Erfolg des Konzepts der Metropolregionen in Deutschland auf einem strategischen Leitbild beruht, das Wachstum und Innovation im internationalen Standortwettbewerb verspricht, die Frage nach Mindeststandards der Zugehörigkeit zu dieser Gebietskategorie aber bewusst ausklammert. Das im Folgenden vorgestellte Indikatorenmodell (Kap. 4) bezieht sich auf die von Blotevogel vorgeschlagenen Metropolfunktionen, für deren differenzierte Erfassung 90 Einzelindikatoren vorgesehen sind (S. 138ff.). Das erweiterte Indikatorenmodell (mit insgesamt 189 Indikatoren) umfasst darüber hinaus Agglomerationseffekte, raumbezogene (Flächenversiegelung, Wohnungsmarkt, Suburbanisierung) und umweltbezogene Merkmale (Pendlerströme, Lärmbelastung, Luftverschmutzung) sowie anthropogene Indikatoren (Migration, Segregation, Arbeitslosigkeit, Kriminalität) – gewissermaßen als Gegengewicht zu den ökonomisch orientierten Indikatoren des Ausgangsmodells (S. 212ff.). Im empirischen Teil seiner Untersuchung (Kap. 5) begnügt sich der Verfasser damit, sein anspruchsvolles Indikatorenmodell anhand ausgewählter Merkmale am Beispiel der Region Nürnberg zu erproben. Dabei geht es nicht mehr um die Frage, ob Nürnberg und andere erst spät als „Europäische Metropolregionen“ anerkannte Agglomerationen in Deutschland (wie Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg, Bremen-Oldenburg und Rhein-Neckar) überhaupt die Voraussetzungen dazu erfüllen. Vielmehr sollen mit Hilfe des Indikatorenmodells die Stärken und Schwächen der Metropolregion Nürnberg aufgezeigt werden – anschaulich und nachvollziehbar für die Verantwortlichen vor Ort (S. 291ff.). Wegen mangelnder Transparenz distanziert sich Bege daher von multivariaten Verfahren zur Gewinnung komplexer Funktionsindizes, wie sie z.B. der Rangordnung der elf deutschen Metropolregionen durch den Initiativkreis Europäische Metropolregionen in Deutschland zugrunde liegen (S. 285ff.). Ein weiteres Problem dieser Untersuchung sieht er in der Berücksichtigung von „lediglich 24“ Indikatoren (S. 291) – gegenüber 189 Indikatoren seines erweiterten Modells, für das in Nürnberg aber kaum Daten zur  Verfügung standen (S. 276). Als Zusammenfassung der Ergebnisse (Kap. 6) werden 35 Thesen präsentiert,
die den Eindruck erwecken, als hätten der im Mittelpunkt der Untersuchung stehende Versuch einer theoretisch-konzeptionellen Grundlegung der Metropolregion und das darauf aufbauende  Indikatorenmodell eine entsprechende Fülle an empirischen Befunden hervorgebracht. Doch beinhaltet das abschließende Kapitel Einschätzungen und Empfehlungen des Verfassers zum Konzept der Metropolregionen, die eher dem Quellenstudium als der eigenen empirischen Analyse entspringen. Metropolregionen durchziehen die gesamte Untersuchung – von der Entwicklung dieses Regionstyps im Rahmen der Raumordnung und Landesplanung (Kap. 2) über Fallbeispiele polyzentrischer Metropolregionen in Deutschland (Kap. 3.4) und die Bedeutung einzelner Indikatoren für die Rangordnung von  Metropolregionen (Kap. 4) bis zur beispielhaften Anwendung eines Indikatorenkatalogs auf die Region Nürnberg (Kap. 5). Die genannten Passagen gehören zu den lesenswerten Abschnitten des Buches. Das eigentliche Anliegen des Verfassers muss aber als gescheitert betrachtet werden. Es zeigt einmal mehr, dass ein raumpolitisches Konzept nicht im Nachhinein raumwissenschaftlich zu begründen ist. Das Zentrale-Orte-Konzept der Raumordnung (nicht zu verwechseln mit der Theorie zentraler Orte) ist ein gutes Beispiel dafür. Doch kennt der Verfasser die wissenschaftliche Debatte um dieses Konzept offenbar nicht. Die Lektüre des Buches wird nicht nur durch die Unentschlossenheit der inhaltlichen Konzeption erschwert,sondern auch dadurch, dass der Satzspiegel bis an die Grenze der Lesbarkeit verkleinert wurde. Die Schriftgröße entspricht „Petit“, der kleinsten im früheren Buchsatz verwendeten Schriftgröße (für Fußnoten). Viele der Karten im vorliegenden Band sind durch die Verkleinerung unleserlich geworden. Für einen renommierten Fachverlag ist das keine Empfehlung.
Jürgen Deiters

Quelle: Die Erde, 141. Jahrgang, 2010, Heft 3, S. 117-118

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