Britta Klagge: Armut in westdeutschen Städten. Strukturen und Trends aus stadtteilorientierter Perspektive - eine vergleichende Langzeitstudie der Städte Düsseldorf, Essen, Frankfurt, Hannover und Stuttgart. Stuttgart 2005 (Erdkundliches Wissen 137). 310 S.

Die vorliegende Arbeit von BRITTA KLAGGE rückt das Phänomen der Armut in ausgesuchten deutschen Städten in den Mittelpunkt der Betrachtung, was konzeptionell und empirisch ein schwieriges Unterfangen darstellt. Wer arm ist und wie Armut gemessen werden kann, stellen keine trivialen Aufgaben dar. Dazu kommt, dass mit der Erforschung von Armut ein multidisziplinäres Feld eröffnet wird, auf dem man sich verorten muss, um in einem Teilbereich wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen.

BRITTA KLAGGE macht dies und definiert ihre Forschungsfrage sehr klar und deutlich. Sie untersucht die räumliche Verteilung des Sozialhilfebezugs in fünf ausgesuchten deutschen Städten und sie konzentriert sich dabei - neben anderen Aspekten - auf die Frage, ob die räumlichen Muster im Untersuchungszeitraum 1980-2000 stabil geblieben sind oder sich verändert haben. Ihr Ausgangspunkt ist dabei das häufig zitierte Bild der sozial und räumlich gespaltenen Stadt. Soziale Ungleichheit schlägt sich in der sozialräumlichen
Segregation nieder und die Zunahme von Armut müsse daher auch zu einer Zunahme von räumlicher Fragmentierung führen.
Gegen diesen Automatismus wendet sich KLAGGE. Sie zeigt auf, dass zwar die Sozialhilfedichte in den fünf von ihr untersuchten deutschen Städten tendenziell zugenommen hat, nicht jedoch die Segregation der Sozialhilfebezieher (bis auf eine Ausnahme: Frankfurt). Das räumliche Muster ist komplexer. Es ist gekennzeichnet durch Verlagerungsprozesse der Armen in Stadtteile mit älteren und neueren Sozialwohnungen sowie durch Verdrängung, aber auch Konzentration der Armen in den erweiterten Innenstädten. Dabei stellen das Auftreten von baulich-sozialen Aufwertungen (Gentrifikation) sowie die räumlich selektive Abwanderung der inländischen Wohnbevölkerung in die Suburbia entscheidende Größen dar, die auf der einen Seite Armut verdrängen und auf der anderen Seite Platz für die arme Bevölkerung macht.
Die Stärke der Arbeit liegt in diesem kritischen Impetus dem gängigen (Vor)urteil gegenüber. KLAGGE übernimmt nicht die traditionellen Urteile, sondern sucht nach neuen Beschreibungen, die mit der empirischen Realität besser übereinstimmen. Sie stützt sich dabei auf eine detaillierte und umfangreiche empirische Analyse, die darzustellen, viel Platz in ihrem Buch benötigt. Dabei treten jedoch textliche Längen und inhaltliche Redundanzen fast unweigerlich auf. Wenn etwas zu kritisieren ist, dann ist es dieser Umstand. Die Autorin hätte vor Drucklegung den Text kürzen, straffen und den technischen Charakter an einigen Stellen durch anschauliche Darstellungen der durch Armut bedrohten Stadtteile ersetzen können.
Dennoch: Das Buch dokumentiert ernsthafte Forschung zu einem relevanten Thema. Und es zeigt klar auf, was eine angewandte Geographie im Bereich der Armutsforschung leisten kann: nämlich den räumlichen Kontext auf einer mittleren Maßstabsebene einbringen und die Erklärungsansätze für die Persistenz und den Wandel von Armut und "armen" Stadtteilen wesentlich ergänzen.    
Autor: Heinz Faßmann

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 2, S. 187-188



Kommentar schreiben