Heiko Faust: Vergleichende Kulturgeographie. Empirische Befunde regionaler Integrationsprozesse in tropischen Agrarkolonisationsräumen Boliviens, der Elfenbeinküste und Indonesiens. Göttingen 2007 (Göttinger Geographische Abhandlungen 116). 334 S.

Die Arbeit von Heiko Faust - seine Habilitationsschrift - stellt einen Versuch dar, am Beispiel von jeweils zwei Siedlungen in Bolivien, der Elfenbeinküste und Indonesien gesellschaftliche Integrationsprozesse in tropischen Agrarkolonisationsräumen miteinander zu vergleichen.

Nach einer Einführung und Definition der relevanten Konzepte "Migration", "Integration", "Ethnizität", "Kultur", "Kulturlandschaft" und "Agrarkolonisation" wird der theoretische Bogen von den klassischen Ansätzen der Regionalen Geographie und Länderkunde über neuere handlungstheoretische Konzepte der Kultur- und Sozialgeographie bis hin zur soziologisch-anthropologischen Integrations- und Migrationsforschung gespannt. Als Untersuchungsgebiete wurden die Siedlungen El Progreso und San Martín im bolivianischen Oriente, Azoumanakro und Soubré 3 im Südwesten der Elfenbeinküste sowie Siliwanga und Mekarsari im Naputal der indonesischen Insel Sulawesi ausgewählt. Alle Siedlungen sind nicht älter als 30 Jahre, weisen eine überschaubare Größe auf, und die Bevölkerung setzt sich aus unterschiedlichen Ethnien zusammen. In einem ersten Schritt stellt der Autor die übergeordneten Rahmenbedingungen der Agrarkolonisation in den einzelnen Staaten dar. Physischgeographische Informationen der jeweiligen Region werden im Anschluss daran verknüpft mit Grunddaten zu Bevölkerung (v.a. ethnische Zusammensetzung, soziale Indikatoren), Wirtschaft (v.a. Landwirtschaft) und Politik (v.a. politisches System, politische Reformen). Darauf aufbauend wird auf den spezifischen Kontext der einzelnen Kolonisationsprojekte, wie beispielsweise die staatlichen Steuerungsmaßnahmen, die Ursachen und Motive der Neulanderschließung sowie die dominanten Migrationsströme und die damit verbundenen Bevölkerungsgruppen, eingegangen. Schließlich steht im ausführlichsten und letzten Teil die Mikroebene im Vordergrund der Analyse: Neben Strukturdaten der untersuchten Siedlungen betrachtet der Autor die Kulturation, die Platzierung, die Interaktion und die Identifikation als Teilaspekte der sozialen Integration zwischen Zuwanderungs- und ansässiger Bevölkerung in einem direkten Vergleich. Die bolivianischen Siedlungen El Progreso und San Martín entstanden in den 1970er Jahren im Kontext der Agrarkolonisation des Orients, die der bolivianische Staat bereits in den 1960er Jahren begonnen hatte, um den Bevölkerungsdruck im Hochland zu senken. In Klein- und Kleinstbetrieben bauen die Familien Grundnahrungsmittel und - zum Teil - etwas Obst an. Während in El Progreso ausschließlich Kolonisten vom Altiplano leben, wurde die ursprüngliche Hochlandbevölkerung in San Martín durch spontan zugewanderte Siedler des Orientes erweitert. Die soziale Integration der beiden Ethnien in San Martín wird erschwert durch die noch immer bestehenden Unterschiede in Sprache, Religion, soziokulturellen Traditionen und wirtschaftlicher Stellung. Die Siedlungen Azoumanakro und Soubré 3 in der Elfenbeinküste entstanden ebenfalls in den 1970er Jahren. Allerdings stellte hier der Staat lediglich das Land zur Kolonisation zur Verfügung. Die eigentliche Landerschließung erfolgte dann spontan durch Zuwanderung sowohl von Kolonisten aus dem Süden der Elfenbeinküste als auch aus Burkina Faso. Die Einrichtung eines Nationalparks führte jedoch zur Vertreibung eines Teils der Siedler, die sich dann am Rand des Schutzgebietes niederließen. In beiden ethnisch gemischten Siedlungen dominiert vor allem der Kaffee- und Kakaoanbau. Die sozialen Integrationsprozesse sind hier geprägt durch eine neue nationale Gesetzgebung, die der Bevölkerungsgruppe aus Burkina Faso Landeigentum verbietet und sie politisch und sozioökonomisch marginalisiert. Im Beispiel der indonesischen Siedlungen Siliwanga und Mekarsari spielte der Staat im Rahmen des umfangreichen Transmigrasi-Programms eine zentrale Rolle in Planung und Umsetzung der Kolonisationsmaßnahmen. Beide Siedlungen wurden Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre in der Nachbarschaft zu bereits bestehenden Siedlungen angelegt. Neben Nassreis bauen die Kolonisten teilweise Tee, Kaffee und Kakao an. Aufgrund der staatlich definierten Auswahlverfahren und der späteren spontanen Zuwanderung weist die Bevölkerung eine große ethnischreligiöse Heterogenität auf. Eine gemeinsame Sprache, gegenseitiger Respekt und kontinuierliche Kommunikation erleichtern dennoch die soziale Integration, die lediglich durch die ethnischen Konflikte in den Nachbargebieten beeinträchtigt wird. In der abschließenden Zusammenschau der untersuchten Beispiele kommt der Autor zum Ergebnis, dass die soziale Integration von Migranten und ansässiger Bevölkerung in den Siedlungen unterschiedlich verlaufen ist, abhängig von regionalgeographischen physischen und anthropogenen Aspekten sowie von historischpolitischen Rahmenbedingungen der Makroebene. Allgemein stellt er fest, dass eine gemeinsame Sprache - meist die Amtssprache - die Integration fördert. Hingegen hemmen fehlende Kenntnisse der Migrationsbevölkerung über das Ökosystem in der Zielregion die soziale Integration ebenso wie die Unvereinbarkeit von formellen und informellen Bodenrechten. Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Zugangsrechte zu Land, Migrationsgeschichte der einzelnen Familien, die Einbindung in soziale Netzwerke und damit die kulturellen Orientierungen bilden darüber hinaus wesentliche Elemente der Integration. Die Kulturlandschaftsentwicklung ist in diesem Kontext - so der Autor - Ergebnis von Migration und Kolonisation und letztlich Ausdruck von Handlungsentscheidungen und Integrationsprozessen. Die Arbeit von Heiko Faust stellt einen lohnenswerten und gleichzeitig mutigen Versuch dar, ähnliche regionale Entwicklungen - in diesem Fall die Agrarkolonisation - in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen zu vergleichen. Die notwendige Analyse von übergeordneten Rahmenbedingungen der Makroebene sowie von lokalen Faktoren der Mikroebene wird entsprechend umfangreich durchgeführt. Allerdings erschwert die Präsentation der Ergebnisse in der Reihenfolge der Analysekategorien den Überblick und führt zu manchen Wiederholungen und Überschneidungen in den einzelnen Kapiteln. Sowohl im theoretischen als auch im empirischen Teil der Arbeit wäre eine konzeptionelle Schärfung der zentralen Begrifflichkeiten "Kultur" und "Ethnizität" bzw. "Ethnie" wünschenswert gewesen, zumal gerade in Zuwanderungsgebieten die ethnische Einordnung von Bevölkerungsgruppen im Laufe von mehreren Jahrzehnten immer schwieriger wird bzw. immer mehr den Charakter einer soziokulturell geprägten Konstruktion annimmt. Damit wäre auch die zu Beginn der Arbeit angekündigte Dekontextualisierung der Fallbeispiele, die für den Vergleich derart unterschiedlicher Kontexte notwendig ist, deutlicher geworden. Wer eine vergleichende Arbeit von kulturell konstituierten Integrationsprozessen im Sinne der Neuen Kulturgeographie erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr besteht der Verdienst der Studie von Heiko Faust darin, den kontinentübergreifenden Vergleich von Pionierfronten mit Hilfe einer gemeinsamen Methodik zu versuchen.
Autorin: Martina Neuburger

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 2, S. 222-224

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