Sandstrohblume gegen Städtebau - Das Berliner Ergebnis zum Flughafen Tempelhof

„Berlin verteidigt per Volksentscheid was?“ fragt in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Mai 2013 Gerhard Matzig um sich gleich selbst die Antwort zu geben: „Eine Wiese“. Klar wird auch, dass er mit dem Ergebnis der Abstimmung ganz und gar nicht einverstanden ist. „Am Wochenende war Volksentscheid in Berlin: Man konnte für die Freiheit der Grillwürstchen und das Biotop der Sandstrohblume votieren – oder stattdessen für den Bau von Wohnungen, Schulen, für eine Bibliothek sowie für die Vision eines großen Parks auf dem in der Stadt gelegenen Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof.“ Berlin hat eine Chance vertan – und zwar die, in der Diskussion um den Volksentscheid das Thema Städtebau auf die politische Agenda zu setzen.

 

Ein kurzer Blick durch die Zeitungen:

Jan Heidtmann kommentiert auf Süddeutsche.de: „Das Tempelhofer Feld bleibt, was es ist: eine Brache. Mehr als ein Viertel der Berliner haben dafür gestimmt. Dabei war das Votum eher ein Dagegen-Votum: gegen Klaus Wowereit, der, obwohl in Tempelhof aufgewachsen, die Stimmung seiner Bürger nicht mehr zu deuten weiß; gegen die Politik in Berlin, die im Großen wie im Kleinen immer wieder zeigt, dass sie ambitionierten Bauprojekten nicht gewachsen ist; gegen die Durchökonomisierung noch des letzten Winkels, wie sie zum Beispiel in München zu beobachten ist.“ (http://www.sueddeutsche.de/politik/tempelhofer-feld-fuer-die-brache-gegen-wowereits-masterplan-1.1975217)

Die Badische Zeitung schüttelt den Kopf und fragt: „Wie kann es sein, dass sich eine Mehrheit in Berlin bei der Entscheidung über ein einzigartiges innenstädtisches Gebiet gebärdet wie eine folkloristische Öko-Spießer-Truppe, die bestimmt, dass hier kein Grashalm gebogen werden darf?“ (http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/deutschland/kommentar-beide-haben-verloren--85420121.html)

Die TAZ sieht in Berlin weniger ein spießiges Lebensgefühl am Werk als vielmehr ein gewisses Misstrauen wegen unbeantworteter Fragen: „In der stadtpolitischen Debatte vor dem Entscheid war eine der immer wiederkehrenden Fragen die nach einer Garantie, dass tatsächlich eine feste Zahl von Sozialwohnungen errichtet werden. Doch der Entwurf des Senats, über den in einer zweiten Frage ebenfalls abgestimmt (und der abgelehnt) wurde, sah eben genau das nicht vor.“ (http://www.taz.de/Nach-dem-Volksentscheid-Tempelhofer-Feld-/!139229/)

Der Freitag erkennt als wesentlichen Grund des Abstimmungsverhaltens ein „Berlin-Gefühl“ und das wird so beschrieben: „...vielen Wählern ging es in ihrem Nein vor allem um ein Grundgefühl: Das nehmt ihr uns jetzt nicht auch noch weg! In einer Stadt, in der Gentrifizierung und Globalisierung sichtbar Einzug halten und die letzten Brachen vulgären Investorentempeln oder auch nur einem Hostel weichen, wurde ein Zeichen gesetzt: Stop it! Auf dem Stimmzettel stand, wie Lorenz Maroldt im  'Tagesspiegel' schrieb, das „Berlin-Gefühl“. Also das, was diese eigentlich hässliche Stadt weltweit so begehrenswert macht. Eine Freifläche größer als Monaco, ein Provisorium auf Dauer, auf dem jeder nach seinem Pläsierchen glücklich werden kann, das gibt es doch nur hier. Und gerade weil es das nur in Berlin gibt, ist das Abstimmungsresultat ein Zeichen, das ausstrahlt. Seht her: Hier endet die Verwertungslogik des Kapitals. Hier herrscht das Volk. Das ist eine starke, aber auch etwas krude Botschaft.“ (https://www.freitag.de/autoren/michael-angele/stop-it-auf-dem-tempelhofer-feld-endet-die-verwertungslogik-des-kapitals)


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