Andreas Hofer: Karl Brunner und der europäische Städtebau in Lateinamerika. Mit einem Prolog von Rogelio Salmona.  Wien, Berlin, Münster 2010. 312 S.


(vorgestellt von Andreas Hofer)

Der vorliegende Text ist das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung des Autors mit der lateinamerikanischen Stadt sowie mit der Person des österreichischen Städtebauers Karl Heinrich Brunner und anderen europäischen Städtebauern, die auf dem Kontinent gearbeitet haben. Im Focus steht dabei das bislang wenig bekannte Schaffen Brunners von 1929 bis 1948 in Kolumbien, Chile und Panamá, dessen Projekte und Realisierungen vor allem die Planungsentwicklung der heutigen Mega-Cities Bogotá und Santiago de Chile prägen.

Das Buch verfolgt das Anliegen, die Rolle europäischer Stadtmodelle, ihre oft fragwürdige Transferierung nach Lateinamerika und die daraus resultierenden Auswirkungen kritisch zu beleuchten. Wenngleich auch für den Aufbau des Buches eine gewisse chronologische Annäherung erforderlich ist, stehen doch in jeder Phase das Herstellen von thematischen Zusammenhängen im Städtebau und insbesondere die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen Lateinamerika und Europa im Vordergrund.
Die lateinamerikanische Stadt stand seit der Kolonialisierung durch Spanien und Portugal unter massivem europäischem Einfluss. Mit den Kolonialisten kam das Stadtmodell des Rastergrundrisses, das sich mit all seinen Stärken und Schwächen und in großer Rasanz über den Kontinent verbreitete. Selbst topografische Anforderungen und typologische Adaptierungen vermochten dem Raster kaum seine ursächliche Standhaftigkeit zu nehmen. Wenn in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit eine politische und kulturelle Neuorientierung Lateinamerikas Richtung Frankreich und England erfolgte, so entstandauch für die physische Weiterentwicklung der kolonialen Stadt dringender Reformbedarf. Die in der Folge importierten europäischen Stadtmodelle des 19. Jahrhunderts befriedigten zwar monumental-ästhetische Ansprüche der jungen Republiken, bewältigten aber kaum die realen städtebaulichen Anforderungen einer beginnenden Metropolisierung.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts traten zahlreiche europäische Architekten und Planer auf, die unterschiedlich erfolgreiche Beiträge zur Modernisierung der lateinamerikanischen Stadt ablieferten: unter anderen Alfred Agache, Jean Claude Nicolas Forestier, Werner Hegemann, Le Corbusier sowie der Österreicher Karl Brunner. Brunner stammte aus der Wiener Städtebauschule Karl Mayreders, einem  Zeitgenossen Otto Wagners und stand unter dem Einfluss des sozialen Wohnbaus der Wiener 1920er Jahre. Für Brunner wurde Lateinamerika für 20 Jahre zur Wahlheimat, er arbeitete zwischen 1929 und 1948 in zahlreichen Städten Kolumbiens, Chiles und Panamás. Seine Arbeit charakterisierte sich durch einen praktischen und interdisziplinären Städtebau mit sozialreformerischen Ansätzen und gezielter Standortverträglichkeit. Er brachte dafür - im Gegensatz zu manchen anderen zeitgenössischen europäischen Planern - die nötige Bereitschaft mit, ortsspezifische Bedingungen sowie lokale Anforderungen als Ausgangsbasis in die weitere Stadtentwicklung mit einzubeziehen.
Durch die gleichwertige Zusammenführung von Baupolitik, Städtebautechnik und Stadtbaukunst sowie eine intensive Auseinandersetzung mit dem Genius Loci schuf Brunner eine integrative Basis für seine Planungspraxis. Ein zentrales Anliegen in Brunners Berufverständnis als Städtebauer war somit die reale Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen.
Die Stadtentwicklungspläne für Santiago und Bogotá sowie die zahlreichen weiteren Projekte zeigen, dass Brunner für die Aufgaben des Städtebaus unmittelbare Resultate erzielen konnte. Anstatt großer Auftritte mit spektakulären Einzelprojekten hatte er stets das Ziel eines ganzheitlichen, real-operativen Planungsinstruments zur Steuerung der Stadtentwicklung vor Augen. Er arbeitete mit reduzierten Eingriffen, ohne die gewachsene Stadtstruktur völlig zu verändern und initiierte gleichzeitig so grundlegende Reformen wie die Einführung des sozialen Wohnbaus oder die Stärkung des städtischen Freiraums. Dabei stellte sich Brunner massiv gegen Konzepte, die, beeinflusst von der Schule Le Corbusiers, nach dem Prinzip des "tabula rasa" über Jahrhunderte gewachsene Stadtstrukturen ignorierten oder auflösten.
Diese Vorgangsweise Brunners lässt sich unter dem Begriff "wissenschaftliche Basis für städtebauliche Strategien" zusammenfassen und brachte völlig neue Impulse für die Städtebaupraxis in Lateinamerika.

Andreas Hofer  1963, stammt aus St. Aegyd in Niederösterreich; Architekturstudium in Wien und Bogotá; Assistenzprofessor am Fachbereich Städtebau der Technischen Universität Wien.

Kontakt:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Kommentar schreiben