Christian Wille: Grenzgänger und Räume der Grenze. Raumkonstruktionen in der Großregion SaarLorLux. Frankfurt/M. (Luxemburg-Studien / Etudes luxembourgeoises, Bd. 1) 2012.

Präsentation
Christian Wille: Grenzgänger und Räume der Grenze

Multilokalität und Transnationalität sind etablierte Kategorien in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Während sie zunächst mit Blick auf einen Bedeutungsverlusts von Raum diskutiert wurden, haben sie schließlich die Auseinandersetzung mit Raumbegriffen und ihren Implikationen maßgeblich stimuliert. So hat die Debatte disziplinenübergreifend einen erheblichen Auftrieb erfahren und Konzepte hervorgebracht, die das ‚Raumgreifen' im Zuge wachsender Mobilität von Personen, Waren und Ideen zu fassen suchen. Dennoch erfolgt der analytische Zugriff auf transnationale Lebenswelten oftmals noch in Perspektiven, die den Formationen jenseits national-territorialer Gliederungen nicht gerecht werden.

 

Praxiszentrierter Zugang zu transnationalen Lebenswelten
Die Promotionsarbeit greift diese Problematik auf und entwickelt ein adäquates Instrument zur Beschreibung und Analyse von transnationalen Sozialzusammenhängen. Dabei leitend sind zwei konvergente Theorieentwicklungen, die als ‚Kulturalisierung von Raum' und als ‚Verräumlichung von Kultur' bezeichnet werden können. Sie eröffnen eine Perspektive auf transnationale Phänomene, die neben der Herausbildung räumlicher Beziehungsstrukturen ebenso die Sinnhorizonte von Subjekten einschließt. Der vorgeschlagene sozialgeographisch und kultursoziologisch informierte Ansatz begreift Raum als ein Resultat der kontingenten sozialen Praxis in transnationalen Bezügen. Diese subjektzentrierten Raumkonstruktionen werden als Räume der Grenze bezeichnet und sind zugänglich über die sozialen Praktiken und das praktische Wissen der Subjekte sowie über die sozial-strukturellen und physisch-materiellen Bedingungen von transnationalen Praktiken.

Praktiken von Grenzgängern in der Großregion SaarLorLux
Vor diesem Hintergrund werden Räume der Grenze empirisch bestimmt. Dafür wird die zirkuläre Mobilitätsform des Grenzgängers betrachtet, die exemplarisch steht für eine Reihe an multilokalen und transnationalen Sozialzusammenhängen. Als Grenzgänger gelten dabei Arbeitnehmer, die in einem EU-Mitgliedstaat arbeiten und in einem anderen wohnen, in den sie in der Regel täglich zurückkehren. Das Vierländereck „Großregion SaarLorLux" mit über 200.000 Grenzgängern bietet dafür geradezu eine Laborsituation, pendelt hier doch ein Viertel aller Grenzgänger in der EU. Die Grenzgänger im Untersuchungsraum wurden per Fragebogen (n=458) und Interviewtechniken (n=33) in Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg befragt. Die Untersuchungsergebnisse, die auf eine formal-deskriptive und eine inhaltlich-explikative Ebene von Räumen der Grenze abheben, strukturieren sich entlang folgender Themenfelder:

    Grenzüberschreitende Lebens- und Erwerbsprojekte
    Kulturelle Vielfalt und Fremderleben
    Sprachen und Kommunikation
    Bild des Grenzgängers und Gleichbehandlung
    Räumliche Identitäten und Stereotype
    Soziale Beziehungen und Vergemeinschaftungspraktiken

Merkmale von Räumen der Grenze
Auf Grundlage der erhobenen Lebens- und Arbeitspraxis von Grenzgängern werden abschließend Merkmale von Räumen der Grenze herausgearbeitet. Festgehalten wird u.a., dass die raumkonstitutive Praxis des grenzüberschreitenden Pendelns nicht an bestimmte soziale Milieus gebunden ist, sondern die Gruppe der Grenzgänger vielfältige Beschreibungsmerkmale aufweist. Daneben wird eine gewisse Dauerhaftigkeit des ‚Grenzgängerdaseins' deutlich, die sich in Erwerbsverläufen, Strategien der Arbeitsplatzplatzsuche, Zukunftsplänen sowie in den Motivstrukturen der Pendler widerspiegelt. Vor allem die mit einer Tätigkeit in der Nachbarregion verbundenen materiellen Anreize veranlassen Grenzgänger ihr grenzüberschreitendes Lebens- und Erwerbsprojekt langfristig anzulegen. Ferner wird die Bedeutung von sozialen Netzwerken für das Grenzgängerwesen herausgearbeitet, über deren Zugehörigkeit gemeinsam geteilte Wissensbestände und das Beherrschen bestimmter Sprachen entscheiden. Die Herausbildung sozialer Netzwerke wird durch informelle und zum Teil formelle Vergemeinschaftungspraktiken am Arbeitsplatz und darüber hinaus begünstigt. Des Weiteren wird ein Konfliktpotential ausgemacht, das mit der Wahrnehmung des Grenzgängers durch die autochthone Wohnbevölkerung verbunden zu sein scheint. Das ‚Image' des Grenzgängers geht auf unterschiedliche soziale Lagen, regionale Entwicklungsgefälle, Arbeitsmarktzugänge und Identitätsfragen zurück und artikuliert sich in der Arbeits- und Wohnregion auf unterschiedliche Weisen. Außerdem zeichnet sich ab, dass Praktiken im Kontext der Grenze von Momenten interpretativer Unbestimmtheit gekennzeichnet sind. Mehrdeutigkeiten und Widersprüche als weitere Merkmale zeigen sich bei der Gegenüberstellung von Lebensqualität und Motiven für grenzüberschreitende Arbeitnehmermobilität, bei räumlichen Wahrnehmungen oder Identitäten. Schließlich wird die Tendenz zur Non-Integration in der Arbeitsregion ausgemacht, die sich an den sozialen Kontakten in der Arbeitsregion, Informationspraktiken oder Zukunftsplänen der Pendler ablesen lässt.

Beitrag für die kulturwissenschaftliche Raumforschung
Die Forschungsarbeit macht insgesamt deutlich, dass Aussagen über Räume der Grenze immer nur Aussagen über ihre Konstruktionsprozesse sein können. Die Merkmale von Räumen der Grenze lassen sich daher angesichts der hier schlaglichtartig vorgestellten Ergebnisse unter den Stichworten Pluralität, Persistenz, Informalität, Kontingenz, Ambivalenz, Konfliktpotential, Dynamik und Transdifferenz zusammenfassen und stellen für zukünftige Forschungsarbeiten zentrale heuristische Kategorien bereit. Die Perspektive, das Grenzgängerwesen durch Folgestudien auf eine breitere empirische Basis zu stellen bzw. den vorgeschlagenen Zugang auch an anderer Stelle empirisch rückzubinden, kann beitragen die Analyse von transnationalen Lebenswelten zu verfeinern. Der Ansatz „Räume der Grenze" ist besonders für die kulturwissenschaftliche Raumforschung in multilokalen und transnationalen Kontexten geeignet und übertragbar auf eine Reihe allgemeiner subjekt- und raumzentrierter Fragestellungen, die sich von Kultur als geschlossener und ‚ordentlich praktizierter' Werte- und Normenkomplex lösen und soziale Praktiken mit ihren räumlichen Bezügen in den Blick nehmen. Dementsprechend versteht sich das Buch neben seines pionierhaften Beitrags für die Grenzgängerforschung als ein weiterer Impuls dafür, nicht länger nach dem „Was" im Sinne von eindeutig abgrenzbaren Bedeutungsstrukturen und Behälterräumen zu fragen, sondern vielmehr nach dem praxislogischen und prozessorientierten „Wie" im Sinne tatsächlich
gelebter und transnationaler Lebenswirklichkeiten.

Autor
Christian Wille (Dr. rer. soc. phil.) ist Sozial- und Kulturwissenschaftler an der Universität Luxemburg. Er hat in Saarbrücken und Luxemburg promoviert und lehrt an den Universitäten Saarbrücken und Metz. Seine Arbeitsgebiete sind Grenzraumstudien und kulturwissenschaftliche Raumforschung mit Schwerpunkt Großregion SaarLorLux.
Weitere Informationen: www.christian-wille.de  

Kontakt
Dr. Christian Wille
Universität Luxemburg
Campus Walferdange
UR IPSE – Identités, Politiques, Sociétés, Espaces
Route de Diekirch BP 2
L-7220 Walferdange

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