Harald Schumann u. Christiane Grefe: Der globale Countdown. Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung - die Zukunft der Globalisierung. Köln 2008. 458 S.

Verf. läuten die Alarmglocken: "Der globale Countdown läuft" (32), die Uhr des Weltwirtschaftssystems steht auf fünf vor zwölf. Die Finanzmärkte stehen vor dem Kollaps, die weltweit wachsende Ungleichheit nährt Krieg und Terrorismus, und die globale Erwärmung führt unaufhaltsam in die Klimakatastrophe. Höchste Zeit zu handeln - doch die Politik bleibt untätig, gefangen in nationalstaatlichen Interessen, gefesselt durch Konzerninteressen und die Kurzsichtigkeit der Politiker. Es ist also nun an der "Weltmacht Weltbürger", die Regierungen zur Zusammenarbeit zu drängen, damit eine geeinigte "Weltgesellschaft" die nahende Katastrophe noch aufhält.
Verf. skizzieren ein Endzeit-Szenario. Die mit viel Detailwissen präsentierten Kausalzusammenhänge sind durchaus bekannt. Da sind zunächst die "aufgeblähten" Finanzmärkte. Sie gleichen einem "globalen Kartenhaus", wo "im Sekundentakt Vermögen in Milliardenhöhe von einer Anlageform in die nächste verschoben" wird (83). Hier herrschen "Gier" und Herdentrieb. Spätestens die aktuelle Kreditkrise - eine "Täuschung im Weltmaßstab" (97) - mache deutlich, dass "die Instabilität des Finanzsystems zu einer globalen Bedrohung geworden ist" (90). Hauptproblem sei, dass große Teile "der weltweit agierenden Finanzindustrie sich der staatlichen Aufsicht weitgehend entzogen haben und zugunsten kurzfristiger Gewinne langfristiges Chaos stiften" (82). Diese systemische Bedrohung sei "nur noch durch weltweite Kooperation und Regulierung zu bewältigen" (90).
Ein "extremes Risiko für die globale Stabilität" ist auch die wachsende Ungleichheit der Einkommen. Deren Ursache lassen die Autoren zwar weitgehend im Dunkeln. Folgen dieser Ungleichheit jedoch könnten "eskalierende Handelskriege" sein, ebenso wie Rassismus, Krieg und Terrorismus. Denn "je unerreichbarer Wohlstand und Sicherheit für viele werden, desto eher bricht sich der Zorn Bahn" (159). Als Lösung empfehlen Verf. die Schließung von Steueroasen, wodurch die Regierungen wieder Mittel hätten, einen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu schaffen. Die Hauptgefahr jedoch ist der Klimawandel. Auch hier agierten die Regierungen speziell des globalen Nordens "verantwortungslos". Statt die Bedrohung zu erkennen, beuge sich die Politik dem "gut organisierten Lobbydruck der betroffenen Industrien", wie Mineralölkonzernen, Versorgern oder Agrarunternehmen. Daher blieben bei der Klimadiplomatie bislang "alle Ergebnisse beklemmend unzulänglich " (324).
Gegen diese drei Bedrohungen hilft den Autoren zufolge nur internationale Zusammenarbeit. Diese aber scheitere an nationalstaatlichem Denken, am Druck der Konzerne und am Desinteresse der Bürger. Denn sie seien es eigentlich, die den Schlüssel zur Zukunft in der Hand hielten. Bürgerinitiativen, NGOs oder Globalisierungskritiker - die "Generation Global" - müssten daher Druck auf die Regierungen ausüben, um die Kooperation möglich zu machen und der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen (337). Bei jedem ihrer drei Themen gehen Verf. nach demselben Schema vor: Erstens konstatieren sie einen Misstand, z.B. die Finanzmarkt- oder die Klimakrise. Zweitens identifizieren sie als Opfer des Misstandes nicht so sehr Menschen oder Umwelt, sondern das Wirtschaftssystem: Es ist in seiner Existenz bedroht. Dies - und nur dies - soll die Mächtigen der Welt zur Handlung antreiben. Verf. rechnen offensichtlich nicht damit, dass Hunger, Armut oder Umweltzerstörung per se das Herz von Regierungen oder Unternehmenslenkern erweichen. Daher drohen sie ihnen damit, dass ohne eine Änderung des globalen Regimes das gesamte System zusammenbricht und damit die "Untätigkeit" und "Dummheit" der Mächtigen auf sie selbst zurückfällt. Kurz: Die kapitalistische Produktionsweise schadet nicht nur Mensch und Natur, sondern sich selbst. Auf diese Weise wird nach Verbündeten im herrschenden Block gesucht, mit denen sich die Interessen der "Weltgemeinschaft" verbinden und "ganz neue politische Allianzen" schmieden lassen (30).
Drittens werden Lösungsmöglichkeiten präsentiert, deren Umsetzung bisher nur am politischen Willen gescheitert sind: Regulation der Finanzmärkte, Schließung von Steueroasen, Emissionshandel und die Förderung erneuerbarer Energien lösten das Problem. Dabei legen Verf. stets Wert auf die Behauptung, die Milderung von Ungleichheit, Börsenschwankungen und Klimaerwärmung sei für die Industrien und Standorte ohne volkswirtschaftliche Verluste möglich. Klimaschutz, sozialer Ausgleich und Finanzregulation seien letztlich nicht nur vernünftiger, sondern betriebswirtschaftlich geboten. Beispiel Klimaschutz: "Mit dem Klimawandel lässt sich bereits eine Menge verdienen. Vieles spricht dafür, dass darin sogar die größte Hoffnung liegt, dass die Kehrtwende gelingt" (229). Grundlegende Änderungen des Wirtschaftens seien nicht nötig. Viertens schließlich fragen sich Verf., warum trotz all der offensichtlichen Vorteile ihrer Konzepte diese nicht längst durchgesetzt sind. Auf dieser Suche nach Ursachen der Katastrophe finden sie Profi teure der aktuellen Zustände - und damit Schuldige: Ölkonzerne, Investmentbanken, "Plutokraten", "Sweat-Shop-Lobby". Sie hätten zuviel Macht und profitierten von der "Machtlosigkeit" der Politiker. Einen Ausweg biete nur die internationale Kooperation. Dabei setzen die Autoren vor allem auf ein Wiedererstarken der UN und auf die Weltmacht Europa - denn "Amerika verharrt im Gestern" (411). Stattdessen kommt "den Kritikern der Globalisierung zusehends die Rolle zu, das weltweite Zusammenwachsen von Märkten, Mächten und Kulturen gerade vor jenen zu retten, die diesen Prozess über Jahrzehnte vorangetrieben haben" (30).
Schumann und Grefe wenden sich jedoch nur vordergründig an die globale Zivilgesellschaft. Ihr eigentlicher Adressat ist die Politik, die sie zur Zusammenarbeit aufrufen. Dies ist eine zentrale Schwäche des Buches: Verf. beharren auf einer ›eigentlichen‹ Harmonie von Kapitalismus und Menschenwohl. Zwar konstatieren sie, dass die globale Misere aus der geltenden betriebswirtschaftlichen Profitlogik einerseits und der Konkurrenz der nationalen Standorte andererseits erwächst. Doch lassen sie diese Konkurrenz einfach nicht gelten - schließlich drohe der Untergang der "Menschheit" (31). Sie kritisieren die "Unvernunft " von Politikern statt die herrschende Vernunft. Sie kritisieren die "Untätigkeit" der Politik statt die Art und Weise, mit der die Politik tatsächlich Klimawandel, Terrorismus oder Finanzmarktkrisen und andere Krisen produziert und zu bewältigen sucht: nicht durch Zusammenarbeit zum Wohle ›der Menschheit‹, sondern durch den Versuch, die Kosten der als unumgänglich angesehenen Folgen des Kapitalismus auf andere Nationen und Gruppen abzuwälzen, um die Probleme handhabbar und den eigenen Standort erfolgreicher zu machen.
Statt einer umfassenden Re-Regulierung der Finanzmärkte kommt es daher nur zu kleineren Änderungen im Banken-Controlling und der Finanzaufsicht, weil jeder Staat Finanzinvestoren anlocken möchte. Globale Sicherheit wird nicht mittels eines sozialen Ausgleichs produziert, sondern mit militärischer Aufrüstung, verschärften Sicherheitsgesetzen und Flüchtlingslagern. Und beim Klima steht keine globale Kooperation auf der Agenda, stattdessen versucht jeder Standort, die anderen zur Emissionsminderung zu drängen und selbst vom Export von Klimatechnologie zu profitieren. Geschuldet ist dies nicht der Machtlosigkeit der Politiker, sondern der Art und Weise, wie sie ihre Macht einsetzen. Eine "vernünftige" Zusammenarbeit ist nicht vorgesehen. Der - gut gemeinte - Appell der Autoren verhallt daher.
Stefan Kaufmann

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 593-595

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