Ludger Pries: Wege und Visionen von Erwerbsarbeit. Erwerbsverläufe und Arbeitsorientierungen abhängig und selbständig Beschäftigter in Mexiko. Frankfurt am Main u.a. 1997.

Der ,,informelle" Sektor beschäftigte Anthropogeographen und andere Sozialwissenschaftler besonders während der achtziger Jahre im Rahmen theoretischer Diskussionen und als mögliche Entwicklungsstrategie für Gesellschaften der ,,Dritten Welt". Dieses Konzept greift der Autor aus arbeitssoziologischer Sicht in seiner Habilitationsschrift auf. Er konzentriert sich dabei auf den ,,Informellen Urbanen Sektor" (IUS) in Stadtgesellschaften Mexikos. Auch wenn in der Geographie derzeit andere entwicklungstheoretische Erklärungsansätze en vogue sind, lohnt sich die Beschäftigung mit der differenzierten und zugleich gut lesbaren Abhandlung durchaus. Der Autor verfolgt das Ziel, seinen Beitrag zur Erwerbsarbeit in Mexiko als einem ,,semi-industrialisierten" Land mit der Erwerbsarbeit in Deutschland als einem von Industriearbeit stärker durchdrungenen Land zu vergleichen. Damit begibt er sich aus geographischer Sicht auf unsicheres Terrain, da derartige internationale Vergleiche voll methodischer Fallen sind. Pries umgeht diese, indem er sein Unterfangen nicht als einen internationalen Vergleich im strengen Sinne durchführt, sondern eine kontrastierende Untersuchung vornimmt: Deutschland liefert als stärker industrialisiertes Land den interpretativen Hintergrund für die Analyse in Mexiko (8 f.).
Der Autor gelangt zu dem Schluss, dass den meisten der in diesem Kontext durchgeführten Studien ein dual-hierarchisches Denkmodell von Wirtschaft und Gesellschaft zugrunde liege: ,,Die duale Denkfigur eines formellen und eines informellen Sektors ergab sich aus der modernisierungstheoretischen Tradition (...). Und die Vorstellung einer (objektiven und subjektiven) Hierarchie zwischen formellem und informellem Sektor hinsichtlich der Arbeitsund Beschäftigungsbedingungen lässt sich leicht als die Fortsetzung der Marginalitätsannahme im IUS-Gewande interpretieren." (64) Pries untersucht ,,erwerbsbiographische Projekte" von Personen. Darunter versteht er die im Lebenslauf recht stabilen, auf die zeitliche und inhaltliche Sequenz von Arbeitsstationen bezogenen Normalitätsvorstellungen, Deutungsmuster und Handlungspläne, die auf der Verarbeitung vorangegangener Erwerbserfahrungen und der aktiven Vermittlung zwischen Handlungsgelegenheiten und Handlungsressourcen beruhen (306). Die Ergebnisse der Erhebung in ausgewählten Erwerbsbereichen leiten zu der Folgerung, dass weder eine objektive noch eine subjektive Hierarchie zwischen lohnabhängiger Arbeit im ,,formellen" Sektor und selbständiger Arbeit im ,,informellen" Bereich in Mexiko festzustellen sei. Die lohnabhängig Beschäftigten weisen objektiv keine günstigere Erwerbssituation hinsichtlich der Schulbildung, des Einkommensniveaus, der Arbeitszeiten oder der Beschäftigungsstabilität auf und Erwerbspersonen streben nicht eher selbständige als lohnabhängige Arbeit an. Die Grenzlinie zwischen ,,guter" und ,,schlechter" Arbeit verläuft demnach nicht zwischen formellem und informellem Sektor (110 f.). Letzterer lässt sich insofern nicht entweder im modernisierungstheoretischen Sinne negativ auf eine vormoderne Restgröße reduzieren noch durchweg positiv als dynamisches Unternehmerpotenzial interpretieren. Auch wäre es ebenfalls verzerrend, diesen Sektor vereinfachend als einen Ausdruck abhängiger Entwicklung zu verstehen (2).
Wie lassen sich die ,,ungewohnten" Beschäftigungsformen und -strukturen verstehen und erklären? Bezogen auf Mexiko hält der Autor das Konzept für plausibel, die Erwerbsverläufe von Individuen als von vier Parametern geprägt zu verstehen: Arbeitsmarkt, Betrieb, Beruf und Clan. Unter ,,Clan" versteht Pries (269 f.) die in der Regel von der Großfamilie strukturierten sozialen Netze wechselseitiger und langfristiger Verpflichtungsbeziehungen, die vor allem auf Vertrauen und gegenseitigen Austauschbeziehungen beruhen. Zum Clan gehören neben den leiblichen Verwandten auch compadres, Freunde und Förderer der Familie. Allerdings wäre es sehr interessant gewesen, auch den Haushalt als soziale Institution systematisch als fünften Parameter in dieses Untersuchungsschema zu integrieren. Die soziologische Perspektive - so bleibt zusammenfassend festzuhalten - eröffnet interessante Einblicke, welche die Dichotomie von ,,formellem" und ,,informellem" Sektor sprengen.
Autorin: Martina Fuchs

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 48 (2004) Heft 2, S. 139-140

Kommentar schreiben