Frank Bliss: Social and economic change in the Pamirs (Gorno-Badakhshan, Tajikistan). London, New York 2006. 378 S.

Im Zuge der postsowjetischen Transformation rückte Tadschikistan, das vermeintliche "Armenhaus" der Sowjetunion, verstärkt ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit, trafen doch im Pamir die Grenzen der ehemaligen Blöcke des Kalten Krieges aufeinander. Mit der Anfang der 1990er Jahre errungenen Unabhängigkeit setzten in Tadschikistan politische Konfrontationen und ökonomische Krisen ein, die als Verteilungskämpfe zu Bürgerkrieg und offenbarer Armut führten. In einer umfangreichen, international koordinierten Hilfsaktion wurde das Pamirgebiet vor einer größeren humanen Katastrophe bewahrt. In Kooperation mit der Aga Khan-Stiftung wurde zunächst das "Pamir Relief and Development Programme" ins Leben gerufen und später im Zuge des Übergangs von Nothilfe zur Entwicklungszusammenarbeit in das bis in die Gegenwart operierende "Mountain Societies Development Programme" überführt. Die anzuzeigende Monographie ist in diesem Zusammenhang entstanden. Aufgrund umfangreicher deutscher Unterstützungs- und Beratungsmaßnahmen hatte der Autor als Ethnologe und Entwicklungsexperte früh und mehrfach Gelegenheit, in unterschiedlichen Missionen den Pamir im Autonomen Gebiet Gorno-Badakhshan zu besuchen, vielfältiges Material zu sammeln und die Ergebnisse seiner Beratungstätigkeit zu verwerten. Daraus ist das Werk entstanden, das sich als eine Pionierstudie auf dem Feld der Geschichte, Ethnologie und sozioökonomischen Entwicklung versteht. In zehn Kapiteln wird eine breite Abhandlung präsentiert, die sich in ihren historischen und ethnologischen Teilen auf publizierte Literatur vorwiegend deutscher und englischsprachiger Provenienz bezieht, in den drei den Entwicklungsprozessen gewidmeten Kapiteln auf eigenen Erfahrungen des Autors (S. 271-343) beruht. Damit sind ein bezeichnendes Merkmal und eine Inkonsistenz der Monographie angesprochen. Was für einen Consulting-Bericht auf Basis eines "rapid appraisal" hinreichend recherchiert erscheint, hält nicht notwendigerweise den kritischen Kommentaren von Fachkollegen und -kolleginnen stand, die sich mit theoriegeleiteten Fragen der Gesellschaftsentwicklung auf Basis von Quellen und Empirie befassen. Die Kapitel zur Umbruchsituation geben dagegen hautnah Einblick in die schwierige Ausgangsposition des unabhängigen Tadschikistan, in Lösungsansätze und ihre Verflechtung mit internationalen Hilfsmaßnahmen. Der präsente Augenzeuge und beteiligte Autor profitiert von vielfältigen Erfahrungen und vermittelt seine persönlichen Einblicke. In den Kapiteln, die fachspezifischer Recherche in Geographie und Geschichte der Region bedürfen, schleichen sich immer wieder Ungenauigkeiten, unzulässige Extrapolationen und mutige Interpretationen ein. Der Anspruch, ein umfassendes ethnographisches Kompendium mit Entwicklungsbezug vorzulegen, ist ein hoher und nur schwer einlösbarer. Daher bleiben gerade in den Kapiteln zu den dominanten islamischen Glaubensgemeinschaften im Pamir - Sunna und Ismailiya -, zu den Hintergründen der kirgisischen Überlebensstrategien und den damit verknüpften Migrationen sowie zu den Ereignissen im Rahmen des "Great Game", der kolonialen Interessenkonfrontation und den gesellschaftlichen Strukturen die Ausführungen hinter dem aktuellen Forschungsstand zurück. Nicht nur die Forschungen innerhalb der Sowjetunion haben auf diesen Gebieten wichtige Landmarken gesetzt, auch sind mittlerweile umfangreiche Archivquellen erschlossen worden. Dennoch leistet die anzuzeigende Monographie über die periphere Pamirregion etwas Bemerkenswertes. Im Gegensatz zu Werken mit rückwärts gewandtem Blick lenkt sie unser Augenmerk auf die aktuell ablaufenden Entwicklungsprozesse in postsowjetischen Gesellschaften. Dafür ist der tadschikische Pamir - auch im Vergleich zu den afghanischen und chinesischen Nachbarregionen - ein wichtiges und Aufmerksamkeit verdienendes Fallstudiengebiet, in dem die häufig nur
vage benannten Ausgangsbedingungen und knapp belegten Prozesse der Transformation beispielhaft studiert werden können. Mit dieser Monographie sind wichtige Bezüge
problematisiert worden. Darüber hinaus sind bald vielleicht nicht mehr vorhandenes Photomaterial und unzugängliche graue Literatur dokumentiert worden.
Autor: Hermann Kreutzmann

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 392-393


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