Walter Müller u. Stefani Scherer (Hg.): Mehr Risiken - Mehr Ungleichheit? Abbau von Wohlfahrtsstaat, Flexibilisierung von Arbeit und die Folgen. Frankfurt/M-New York 2003. 395 S.

Theoretische Postulate über die Ursachen von Flexibilisierung und Sozialstaatsumbau seien ungenügend empirisch überprüft, meinen Hg., und legen mit ihrem Verlangen nach "eindeutigen Nachweisen" eine schlichte positivistische Perspektive an (9). In diesem Sinn versucht John Goldthorpe, die Globalisierung wegzudiskutieren, weil kein kausaler Mechanismus zu erkennen sei (31ff). Zwar trifft seine Kritik an verkürzten Argumentationsmustern, die eine Notwendigkeit zum marktförmigen Umbau des Staates begründen (vgl. auch Anthony Atkinson, 63ff), aber der Rest ist einfache Negation.

Ergiebig sind die statistischen Studien zur Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen. Antonio Schizzoretto und Maurizio Pisati zeigen für Italien, dass Menschen unter 30 - in erster Linie Berufseinsteiger - mit befristeten, geringer entlohnten Stellen, oft in Teilzeit und unterhalb ihres Qualifikationsniveaus, vorlieb nehmen müssen (132). Die "Unterschiede zwischen den Geschlechtern" sind "nicht so stark ausgeprägt, wie zwischen den Geburtskohorten" (128), aber für Frauen sind Klassenposition und Bildungsniveau entscheidender beim Übergang zu fester Beschäftigung (129). Vor allem "höhere Bildung" erhöht "die Wahrscheinlichkeit zu einer befristeten Beschäftigung" - der Übergang in Festanstellung ist aber deutlich leichter (134). Befristete Arbeitsverhältnisse gelten Verf. als Möglichkeit zur Senkung von Beschäftigungsschwellen der Unternehmen - ein "Mittel zur Beurteilung und Auswahl von Mitarbeitern" (125), das eine "effizientere Zuordnung von Individuen auf Arbeitsplätze" sichern könne (120). Die Einführung "von temporären Beschäftigungsformen" habe zur Eindämmung des "ansonsten unvermeidbaren Anwachsens der informellen Arbeit" beigetragen (122). "Informelle Jobs" betrachten sie als "Fallen, aus denen man schwerlich entkommen kann" (120). Allerdings laufen befristete Verträge "nach einer festgesetzten Zeitspanne aus und führen in den meisten Fällen zu mehr oder weniger langen Perioden der Arbeitslosigkeit" (133). Dennoch bestehe "kein Zweifel daran, dass exzessive Regulierungen [...] den Eintritt in den Arbeitsmarkt behindern" (129). Unter Absehung von realen Arbeits- und Lebensbedingungen werden negative Effekte positiv umgedeutet; über Qualität der Arbeit und Höhe der Einkommen wird keine Aussage getroffen. Der Rückgang informeller Arbeit lässt sich auch dadurch erklären, dass dank Absenkung des Kündigungsschutzes eine Umgehung formeller Regulierungen nicht mehr nötig ist - ist das ein Fortschritt? Zudem ist in dynamischer Perspektive die Tatsache, dass bei jüngeren Arbeitskräften befristete Arbeitsverhältnisse, die sich mit Phasen der Arbeitslosigkeit abwechseln, die Normalität sind, ein Indiz für den allgemeinen Rückgang sicherer Beschäftigung. Auch dass "keine soziale Klasse" - außer Selbständige und Unternehmer - "ihre Nachkommen oder Angehörigen effizient vor den Schwierigkeiten bei der Suche nach einer stabilen Stelle" zu schützen vermag, verweist auf allgemeine Prekarisierung. Fabrizio Bernardi bestätigt für die jüngste Kohorte die "geringen Chancen, beim Einstieg in den Arbeitsmarkt einen festen Vertrag zu bekommen" und diesen "in eine Festanstellung zu transformieren" (110). Scherrer zeigt im Vergleich von (West)Deutschland, Großbritannien und Italien, dass "unterwertige" und "nichtbildungsadäquate" Beschäftigung zu "Karrierebeginn" eine "deutlich benachteiligte Ausgangsposition" darstellt, die sich später verfestigt (158). Nicht "Karrieremobilität", sondern erhöhte "Arbeitsmarktsegmentation" ist die Folge (159).
Für Anna Kim und Karin Kurz ist prekäre Beschäftigung in Deutschland und Großbritannien "überraschend wenig verbreitet" (189). Sie unterscheiden drei Formen: "marginale Teilzeit", befristete Beschäftigung und "Ein-Personen-Selbständigkeit" (171ff). Werden allerdings die angegebenen Zahlen dafür addiert, ergibt sich für Deutschland ein Anteil von 15 %, für GB von 23 % (179), Tendenz steigend. (Informelle Beschäftigung wird nicht erwähnt.) Am stärksten Betroffen sind unqualifizierte Arbeitskräfte, während Facharbeiter v.a. in Deutschland noch relativ geschützt sind (186). Auch Beschäftigte aus den "oberen Dienstklassen [...] weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit" prekärer Arbeitsverhältnisse auf. Es zeigt sich ein "u-förmiges Muster" (188): Prekarisierung ist ein Phänomen, das formell hoch wie wenig qualifizierte Arbeitskräfte betrifft. Letzteres zeigt sich besonders an der Entwicklung von Ein-Personen-Unternehmen und freiberuflichen ›Freelancern‹. Prekäre Selbständigkeit biete Betroffenen die Möglichkeit, im Beruf weiterzuarbeiten und erworbene Fähigkeiten zu erhalten oder weiterzuentwickeln, bis sich entweder das eigene Unternehmen stabilisiert oder doch wieder eine stabile Beschäftigung erreichbar wird - die zur Tugend gewendete Not bewirkt habituelle Internalisierung der Marktrationalität. Für weniger qualifizierte Arbeitskräfte erscheint Selbständigkeit kaum als realistische Option (185). Verf. legen rein formale Kriterien an und suggerieren etwa, die höhere Flexibilität in GB habe die Ausbreitung befristeter Beschäftigung eingedämmt (190). Sind deshalb Arbeitsverhältnisse dort sicherer? Kaum: Bei einer Beschäftigungsdauer von unter zwei Jahren greift in GB nur ein minimaler Kündigungsschutz, es gibt also für Unternehmen keinen Anreiz, unbefristete Verträge auszuweiten; und wo Standards fehlen, brauchen sie nicht unterschritten werden. Doch solche qualitativen Aspekte werden in die empirische Erhebung nicht einbezogen. Die Studie versucht, die Verbreitung prekärer Verhältnisse zu relativieren, doch ihre Ergebnisse sprechen eine andere Sprache. Markus Gangl belegt empirisch, dass Kündigungsschutz und Gewerkschaften das "individuelle Niveau von Arbeitslosigkeit" gerade bei "gering Qualifizierten" verringern (215).
Die "Rückverlagerung der Marktrisiken auf die Individuen" (Hg., 10) führt laut Patricia McManus zu stärkerer Fluktuation der Haushaltseinkommen, zu drohenden "Einkommensschocks" (294). "Je stärker wohlfahrtsstaatliche Leistungen auf Erwerbsbeteiligung basieren und bestehende Marktungleichheiten verstärken, desto mehr dient der Wohlfahrtsstaat als Mechanismus zur sozialen Reproduktion des materiellen Status" der Arbeitskräfte (293). Walter Korpi und Joakim Palme betrachten Wohlfahrtsstaaten "aus der Perspektive des Machtressourcen-Ansatzes als Wiederspiegelung der Verteilungskonflikte zwischen Interessengruppen und Akteuren, die als Ergebnis der sozio-ökonomischen Struktur aus verschiedenen Arten von Machtressourcen resultieren" (247). Dankenswerterweise hebt der einzige Beitrag mit theoretischem Fundament explizit die Bedeutung von Klassenkämpfen heraus. Den Staat reduziert er dabei aber zu einer abhängigen Variable dieser Kämpfe und fällt damit hinter marxistische Staatstheorien zurück, gegen die Verf. sich implizit abzugrenzen versuchen. Sie zeigen jedoch, dass hohe Ausgaben für staatliche Wohlfahrt keineswegs negative Folgen für ökonomisches Wachstum und Produktivität haben müssen (229). Für 18 Industrieländer weisen sie den Abbau in den Feldern Krankengeld, Arbeitsunfall- und Arbeitslosenversicherung seit 1975 empirisch nach (236ff).
Das Wachstum von Einkommensungleichheiten belegen Arthur Alderson und Francoise Nielsen für 16 OECD-Staaten (323ff) und Glenn Firebaugh weltweit (363ff). Hg. warnen mit Blick auf die versammelten Analysen vor "vorschnellen Verallgemeinerungen" (25): Angesichts der Heterogenität nationaler Kräfteverhältnisse und Artikulationsformen neoliberaler Ideologie ziehen sie sich auf die Sammlung "spezifischer Einzelforschung" (26) und theorielosen Empirismus zurück. Die vorliegenden Forschungsberichte sind stark formalisiert, langatmig und redundant formuliert. Trotz brauchbarer Ergebnisse ist ärgerlich, dass Arbeitsverhältnisse und soziale Lagen nur als statistische Werte bemessen werden, ebenso Lebensverläufe, gänzlich unabhängig von qualitativen Aspekten realer Arbeits- und Lebensbedingungen. Deutlich werden sollte mit Korpi und Palme: "Abbau ist noch ein Ziel in Bewegung" (251).
Autor: Mario Candeias

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 330-332

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