Bastian Schuchardt und Michael Schirmer (Hg.): Land unter? Klimawandel, Küstenschutz und Risikomanagement in Nordwestdeutschland: Die Perspektive 2050. München 2007. 243 S.

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Experten aus Wissenschaft und Praxis extremere Ansichten vertreten als die Journalisten, die über deren Fachbereich berichten. Diese Welt existiert, und zwar in Norddeutschland, genauer: in der Jade-Weser-Region. Der vorliegende Band bildet die Abschluss-Synthese des interdisziplinären Klimafolgenforschungsprojektes KRIM - Klimawandel und präventives Risiko- und Küstenschutzmanagement an der deutschen Nordseeküste. Dieses Forschungsverbundsvorhaben setzte sich zum Ziel, aus den immer noch sehr groben Klimaszenariomodellierungen für den Zeitpunkt 2050 die Frage des Küstenschutzes an der Nordsee qualitativ und quantitativ zu untersuchen. Mittels statistischem Downscaling wurde für die untersuchte Region folgendes Szenario für 2050 als plausibelste Arbeitsgrundlage für Extremereignisse ermittelt: 55 cm Meeresspiegelanstieg (inklusive 15 cm Landsenkung), plus 10 cm infolge erhöhten Tidenhubs. Zusätzlich wurde gesondert noch der Spezialfall untersucht, der eintreten würde, wenn ein Sturm wie Anatol den Küstenbereich heimsuchen sollte. Dafür wurde ein "Anatol-Zuschlag" von 200 cm vorgegeben. Um ökonomische und ökologische Schäden simulieren zu können, wurden drei ökonomische Szenarien für 2050 entworfen. Das Basisszenario ist de facto ein optimistisches Szenario, womit auch die ökonomischen Verluste etwas größer ausfallen als mit dem Konstrastszenario, das eher pessimistisch ist. Als Alternativszenario wird noch eine Entwicklung Richtung Nachhaltigkeit ins Auge gefasst, ein Szenario, das dann aber bei den Resultaten nicht wieder auftaucht. Die ersten drei Kapitel befassen sich mit dem Forschungsvorhaben, der untersuchten Region und den Modellszenarien. Dann folgen zwei Kapitel zur erweiterten Risikoanalyse: Methodik (Kapitel 4) und Ergebnisse (Kapitel 5). Anschließend wird der Horizont vom eher naturwissenschaftlichen Feld ausgeweitet mit dem öffentlichen Konstrukt der Risiken durch Sturmfluten und Klimawandel (Kapitel 6), Handeln nur auf Basis sicheren Wissens im politisch-administrativen System (Kapitel 7) sowie Reaktionsvarianten des Küstenschutzes (Kapitel 8). Die zwei Schlusskapitel leiten daraus Empfehlungen für integriertes Risikomanagement ab (Kapitel 9) und fassen die wichtigsten Ergebnisse und Empfehlungen abschließend zusammen (Kapitel 10). Insgesamt zeigt dieses Buch deutlich die Möglichkeiten und Limitationen der aktuellen Klima- und Klimafolgenforschung auf. Es liefert genau die Informationen, die ein geografischer Raum braucht, um sich Gedanken zu machen, wie mit der veränderten Klimasituation umzugehen ist. Wieso allerdings nebst dem politisch-administrativen System nicht auch das juristisch-rechtliche System genauer beleuchtet wird, ist nicht ersichtlich. Erst auf Seite 192 liest man in einem Satz, dass die konsequente Umsetzung einer neu entwickelten Strategie des raumbezogenen Küstenschutzes "allerdings auch Veränderungen des rechtlichen Rahmens erfordern würde". Rein technisch machen die Ergebnisse von KRIM deutlich, dass der "beschleunigte Klimawandel mit dem resultierenden Bedarf nach beschleunigter Anpassung keine grundsätzlich neue Herausforderung für den Küstenschutz darstellt" (S. 189). Deicherhöhungen bis zu 0,8 m wurden ermittelt, und die heutigen Schwachstellen (Schleusen, Siele) sind auch die zukünftigen Schwachstellen, die besondere Aufmerksamkeit erfordern. Bleibt noch der "Anatol-Zuschlag", der nicht mit einer Eintretenswahrscheinlichkeit versehen werden konnte, weshalb unklar bleibt, ob dies die Büchse der Pandora sein könnte. Hier zeigen sich die Limitationen unserer Forschungsszenarien und Klimamodelle sehr deutlich, und das eingangs erwähnte überraschende Resultat aus Kapitel 6 erscheint plötzlich nicht mehr so unglaublich. Die Autoren des Bandes fordern deshalb auch eine veränderte Risikokultur, in der dem Bürger nicht eine absolute Sicherheit versprochen wird, sondern die Restrisiken thematisiert und diskutiert werden. Insgesamt ein empfehlenswerter Band, der geradezu motiviert, eine geografische Exkursion mit Studierenden in die Region zu führen und dabei diesen Bericht als Vorbereitungslektüre zu benutzen.
Autor: Werner Eugster

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 1, S. 91-92

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