Raimund Rodewald: Arkadien – eine verlorene Utopie?

Ohne Dichter und Künstler würde die Natur verschwinden. Apollinaire's Diktum trifft angesichts unserer funktionalen und kaum mit Poesie assozierten Alltagslandschaften in der Tat ins Schwarze. Die Natur scheint sich in entfernte Winkel zurückgezogen zu haben. Dennoch wird seit Jahren der Ruf vornehmlich der urbanen Bevölkerung nach einem Stopp der Zersiedelung und nach einem stärkeren Landsschaftsschutz immer lauter. Verbirgt sich dahinter gar eine neue poetische Kraft die Natur und Landschaft retten zu wollen? Ich meine ja. Hierfür müssten wir uns aber der poetischen Ausstrahlung Arkadiens gewahr werden, deren (Wieder-)Entdeckung im Jahr 1502 den Topos der schönen Landschaft für rund 400 Jahren massgeblich beeinflusste. Die poetische Sehnsuchtssuche nach einer Utopie Arkadien scheint in letzter Zeit eine neue Renaissance auszulösen, was die Zahl der Publikationen zu diesem Thema unterstreicht. Worin besteht die magische und langandauernde Faszination Arkadien und ist diese Utopie aller Unkenrufe zum Trotz heute doch noch nicht gänzlich untergegangen?

 

Die Ursprünge der Utopie Arkadien
Mit seinem Werk Arcadia von 1502, respektive 1504 (die erste Ausgabe erfolgte unautorisiert) entfachte der Napoletaner Jacopo Sannazaro vom Erscheinungsort Venedig aus eine ungeahnte Welle der Begeisterung. Sein Arkadien, beseelt von Schäferinnen und Schäfern, Satyren und Nymphen, war gleichsam autobiografisch erlebte, wie imaginäre Landschaft, die er wehmutsvoll als Glücksort mit einem wiedergefunden geglaubten goldenen Zeitalter verband. Dieser Topos einer idyllischen Landschaft wurde hernach zu einem Schlüsselelement in der Malerei, Literatur, Musik und humanistischen Philosophie und reichte weit in das kulturelle und sozio-ökonomische Verständnis der Renaissance hinein. Mit dem Dichterland hatte das geografische Arkadien des Peloponnes nichts zu tun. Womit sich dieser erstaunliche Erfolg von Arcadia erklären lässt, ist bis heute rätselhaft.

Mit einem Garten Eden ist Arkadien nicht zu vergleichen, vielzusehr ist dort der Mensch Mensch geblieben mit all seinen Liebessehnsüchten und Wehklagen. Die Literaturwissenschafterin Angela Caracciolo Aricò vergleicht Arkadien daher eher mit einem Seelenzustand (Caracciolo Aricò 2004). In den arkadischen Geschichten, die Sannazaro erzählt, wird eine realistische Naturszenerie ausgebreitet, die einerseits weder Anfang noch Ende kennt und jenseits der menschlichen Zeitlichkeit existiert, andrerseits durchaus in den Rhythmen unseres Lebens verläuft: Jugend, Alter, Tod, Liebe und LIebesklagen, Glück und Trauer, Musik, vor allem der Gesang.

Wer war dieser Sannazaro? Die Familie, Abkömmlinge von spanischen Söldnern und Heerführern unter den aragonischen Königen, hatte ihren Sitz einst in der Nähe von Mailand, dislozierte aber später nach Neapel, in dem Jacopo am 28. Juli 1458 geboren wurde. Der Vater starb früh. Die Mutter sah sich gezwungen, aufgrund des teuren Stadtlebens mit dem 12jährigen Bub in ihre heimatlichen Gefilde in den pizentinischen Bergen von Santo Mango bei Salerno auszuwandern. Carol Kidwell sah in dieser realen Landschaft die Vorlage für das imaginäre Arkadien (Kidwell 1993). Wahrscheinlich verbrachte Sannazaro seine Jugend bis zum Alter von etwa 20 Jahren in dieser ländlichen Gegend, bis er nach Neapel zurückkehrte, auf Drängen des Lehrers, der die Erziehungsarbeit fortführen wollte.

Diese persönliche Lebenserfahrung –eine durchgerüttelte Jugendzeit mit hohem Wehmutsgehalt, geprägt vom Abschied aus den geliebten Bergen– schien die damalige (städtische) Bevölkerung zu beeindrucken, und erklärt möglicherweise einen Teil des Erfolges dieses Romans. Und natürlich war auch eine unglückliche Liebesbeziehung im Spiel. Sannazaro stützte sich auf die klassischen Eklogen des Vergil (von diesem übernahm er das Hirtenland Arkadien) und schrieb in der Sprache Dantes, Petrarcas und Boccaccios, alles aufgemischt in einem literarischen Stilmix aus Versen und Prosa sowie Schäfergesängen als Interludien. Stellenweise erinnert das Werk an eine Operette (Kidwell 1993). Jedes seiner Kapitel beginnt mit der Beschreibung einer Landschaftssituation (ohne das damals noch nicht bekannte Wort Landschaft zu verwenden), worin sich die Geschichten, die Dialoge und Gesänge der Schäfer abspielten. Die Betonung der psychologisch-subjektiven Empfindungen seiner Figuren, darunter auch seiner beiden Pseudonyme, die wehmütigen Dichterhirten Ergasto und Sincero, sowie die einesteils naturalistischen, andernteils poetisch-malerischen Schilderungen des Naturraumes waren neu in der damaligen italienischen Literatur. Offensichtlich traf er damit den Puls der damaligen Zeit und inspirierte die Künstlergilde für lange Zeit. Seine arkadische Melancholie ist zu einem "outcoming" einer Gesellschaft geworden, die lange Zeit in den moralisch-kirchlichen Normen gefangen war. Die ersten zehn der zwölf Romankapitel kursierten bereits in den 1480er Jahren in der Öffentlichkeit, die Faszination Arcadia überdauerte vier Jahrhunderte. Tausende und abertausende Hirtengedichte sind in dieser Zeit in ganz Europa entstanden. Die Wiederentdeckung der Schäfergedichte zum Beispiel in Deutschland führte zu Gründungen von Dichterorden und zu einer Modernisierung der Poesie und Lyrik, welche die Romantik bereits anklingen liess (Garber 2009).

Und was wir sehen werden: Arkadien ist weit mehr als ein Sehnsuchtsland der verlorenen inneren und äusseren Natur unserer Existenz, vielmehr eine Form von (sozialer) Utopie –wenn auch nicht als "Utopia" im Thomas More's Sinne einer physischen città felice (glücklichen Stadt), so doch als Forderung nach einem konfliktfreien, eigentumslosen und sozialgerechten, guten Lebens. Der utopische Gehalt Arkadiens besteht in dem verhüllten Aufruf, sich der Funktionalisierung und Entzauberung unserer städtischen und ländlichen Landschaften entgegenzustellen. Es ist kein Zufall, dass gerade in jüngerer Zeit das rätselhafte Phänomen Arkadien wieder in verschiedenen Schriften aufgegriffen wurde. Arkadien bleibt bis heute unergründbar, dennoch scheint das Bedrüfnis es zu entdecken vitaler als je zuvor.

Das (kurzzeitig) aufgefundene Arkadien
Auf der Suche nach Arkadien richtete sich um 1490 eine Gruppe venezianischer Interlektueller um Caterina Cornaro, die aus Venedig stammende Witwe des Zypernkönigs, auf den Landsitzen in Asolo und Altivole ein und schufen dort ein Paradies auf Erden, wie es der grosse Humanist Pietro Bembo nannte. Zu dieser Gruppe gesellte sich auch der ausdrucksstarke Giorgione (1477/78-1510), der als „Sannazaros Maler“ galt und eine symbolisch schwierig zu entziffernde, geheimnisvoll-spannungsgeladene und dennoch harmonische Interaktion von Mensch und Natur in seinen Landschaften ausdrückte. Das "Zooming" auf das Ich verband den Maler und den Schriftsteller. Das giorgioneske Bildmotiv des concerto campestre ("Konzert im Grünen", das Gemälde wird sowohl Giorgione wie Tizian zugeschrieben), evoziert die Musik, übersetzt ins Bildhafte, ohne Rückgriff auf mythologische Elemente. Musik verwandelt sich in Malerei und Poesie, und umgekehrt. Arkadien wurde so zu einer anschaulichen Vorstellung, ja präsentisch, weil beziehbar auf die Natur schlechthin, und durch die Verbindung von Realität und goldenem Zeitalter zu einer Weltformel (Wehle 2008). Giorgione führte in seine pastoralen Naturbilder aber ab und zu auch dunkle, geheimnisvolle, negative Aspekte ein, wie die Gewitterstimmung in seinem berühmten Werk La Tempesta. Bei der Betrachtung dieses Bildes tauchte von Marcantonio Michiel möglicherweise auch das erste italienische Wort für Landschaft auf (1530): paeseto in tela (Mariuz 2012).

Die Ingredienzen arkadischer Landschaften
Der einleitende Teil der Arcadia, das Proemium, beginnt mit einem starken Plädoyer auf das Schöne der Natur im Vergleich zur gering geschätzten Stadt: Die Wildheit der grossgewachsenen und verschiedenartigen Bäume, welche dem Betrachter viel mehr Freude bereiten als die zurechtgestutzten Pflanzen der Gärten; die Vögel mit ihren Gesängen, die schöner zu hören seien als diejenigen der gezähmten Käfigvögel in der überfüllten Stadt. Und schliesslich die Hirtenmusik inmitten blühender Täler, die gefälliger sei als die Musik der geputzten teuren Flöten der Musiker in den pompösen Palästen. Und wer möge zweifeln an dem grösseren Entzücken einer natürlichen Quelle im Vergleich zu einem künstlichen Brunnen, umgeben von Marmor und Gold? Diese starke Fürsprache für eine autonome Natur räumt mit der zuvor weitverbreiteten Meinung auf, dass die bukolische Umgebung nurmehr ein Fundament sei für moralisch-theoretische Konzepte, wie dies die mittelalterlichen Scholastiker interpretierten. Nicht mehr die Mythologie eines fernen Landes stand im Vordergrund, wie es bei Vergil (und zuvor Theokrit) anklang, sondern eine reale Natur, in der sich ein realer Mensch, ein Ich (Sannazaro), in einer Lebenssituation befand, die nicht mehr von höfisch-zeremoniellen oder geistlich-moralischen Zwängen bestimmt wurde. Das Ich des neuzeitlichen Menschen war geboren. Insofern symbolisiert Arkadien eine Spiegelung der als verzweifelt wahrgenommenen Existenz des Menschen, ja eine Art Menschwerdung mit den Mitteln der Kunst (Wehle 2001). Karl Enenkel spricht in diesem Zusammenhang von einer "Verlandschaftung des Ichs" (Enenkel 2008).

Der bukolische Geschmack jener Zeit, basierend auf den zuvor veröffentlichten Abschriften antiker Werke, eignete sich offenbar gut für den wehmutsvollen Seelenzustand als Nährboden der Arkadiensehnsucht. Die Arkadienlandschaften rufen ein Gefühl des Sich-Vergessens, der lyrischen Anmutung, des Sehnsuchtsvollen, Friedfertigen und stillen Verharrens hervor. Arkadien wird in den Fresken Paolo Veroneses, zum Beispiel in der venetischen Villa Maser, als Landschaft grosser Eigenständigkeit unter der Schirmherrschaft der Natur dargestellt. Sannazaro beschreibt sein Arkadien höchst real: "Es liegt auf den Höhen des Partenio, nicht eben bescheidener Berg des pastoralen Arkadiens, eine erquickende Ebene, die aber eine Weitläufigkeit des Ortes nicht zulässt, jedoch von zierlichen und frischesten Kräutern so erfüllt ist, sodass die leidenschaftlichen Schäfchen mit ihren begierigen Mäulern sie nicht abweiden können, da man dort zu jeder Zeit genügend Futter findet."

Was sind nun die Ingredienzen einer arkadischen Landschaft?
Das Schäfer- und Naturidyll baut sich auf in einer stillen, abgeschlossen wirkenden, hoch gelegenen Waldlichtung inmitten blühender Wiesen mit stattlichen Einzelbäumen, umgeben von einem wild wirkenden Wald. Mäandrierende Bäche und kleine Flüsse, mitunter Wasserfälle, Quellen, Grotten gehören ebenso dazu. Hinzu gesellen sich zahlreiche Wasservögel, Wildgänse, aber auch Hirsche und Stiere. Selbst wilde Tiere, wie Wölfe, Bären, Füchse wirken nicht gänzlich bedrohlich. Manchmal öffnet sich ein Blick in eine entfernte weite Ebene mit Siedlungen und lichtdurchfluteten Bergen im Hintergrund. Grabmäler und sonstige enigmatische Spuren der Vergangenheit tauchen auf. Das akustische Arkadienbild prägen neben den Gesängen der Schäfer auch die Gesänge der Vögel. Alles verbunden idealerweise mit den angenehmsten Witterungsverhältnissen, wie sie nur ein beständiger Frühling gewähren kann, eine einzige Feier der Natur (Wehle 2008). In Theokrits Idyllen (publiziert 1495 in Venedig) ist der schöne Hirtensänger Daphnis in einer Landschaft (am Aetna in Sizilien, nicht in Arkadien) zuhause, die mit einer angenehm rauschenden Fichte, einer Quelle, einem Wasserfall, der vom Felsen herabstürzt, und einer Ulme, die den Platz der ruhenden Hirten dominiert, umschrieben ist. Ein Ort des bukolischen Friedens, aber auch ein Ort unerfüllter und unerfüllbarer Sehnsucht. Sannazaro lässt sein alter ego Ergasto/Sincero diese Sehnsucht wie folgt ausdrücken: "Leser, ich schwöre Dir (…), dass ich mich wiederfand an diesem Punkt so sehnsüchtig zu sterben, dass mir alle Arten des Todes genehm wären. Und fiel selbst in einen Hass gegen mich, und verfluchte die Stunde, als ich Arkadien verlassen musste, und mich manchmal in die Hoffnung begab, dass dasjenige, was ich sah und hörte, nur ein blosser Traum gewesen wäre." Hier zeigt sich eine scheinbar paradoxe Seite Arkadiens: Der Sehnsucht nach Arkadien folgt eine Sehnsucht in Arkadien, in Form der unerfüllten Liebe zu den flüchtigen Nymphen und der Klagegesänge ihrer Hirten. Dieser doppelte Sehnsuchtscharakter haftet einer idealisierten Landschaft an, da in dieser ästhetische Raumgefühle in Cassirer'scher Weise erst durch das konkrete In-Beziehung-Treten ausgelöst werden. Die Landschaft ist somit gleichermassen Sehnsuchtszielort wie Sehnsuchtsauslöser und damit eng mit einer körperlicher Ich-Erfahrung verbunden (Rodewald 1999).

In den späteren arkadischen Bildmotiven von Nicolas Poussin finden sich bereits Anklänge des pittoresken und romantischen Landschaftsbildes. Insgesamt wirken seine Arkadienlandschaften sehr friedvoll und ruhig, ein Ineinander von wilder Natur und bewirtschaftetem, insbesondere behirtetem Land. Die Natur erscheint auf diesen Bildern weder sehr dynamisch, noch erhaben, sondern vielmehr in der Ewigkeit des Momentes eingefroren. Die räumliche Konstitution scheint in sannazarianischer Weise geradezu die Musik zu erwarten, und untermalt den hohen Kontrast zur alltäglichen, städtischen Welt. Es entsteht ein Raum, der sich mit Sehnsucht und Wehmut füllen lässt. Die Naturelemente, die Bäume scheinen auf die seelischen Befindlichkeiten der Hirten zu reagieren, ja, als wollten sie die Gefühle miterdulden. Arkadien ist auch hier nicht nur ein Naturideal, vielmehr ein Ort der Freiheit und Gleichheit der Menschen, jenseits von gesellschaftlichen Hierarchien und Normen, jenseits auch eines umfriedeten Eigentums.

Domestizierung und Untergang Arkadiens
Paradoxerweise trat das arkadische Motiv auch in die höfische Gesellschaft ein (Garber 2009). Das Naturidyll wurde dort aber zurechtgestutzt und zum Inbegriff einer Natur unter Kontrolle, was sich auch in der barocken Gartengestaltung manifestierte. Der "treue Pastor" (Il pastor fido) von Battista Guarini (1590) sollte die Normen der Tugend verkörpern und den Anforderungen der Vernunft dienen. Leidenschaften waren zu zähmen. Die sannazarianische Freiheit tauchte in dieser verdrehten Interpretation nicht mehr auf. In der Barockzeit erhielt Arkadien eine stärker illusionistische, mit Geschichtssehnsucht und Mysteriosität angereicherte Bedeutung. Die Faszination an der Vergangenheit und ihren unerklärlichen Spuren und Ruinen kommt besonders bei Claude Lorrain zum Ausdruck und wird später zu einem neuen Motiv der Landschaftsgartenbewegung.

Die höfische Domestizierung des ursprünglichen Arkadiens forderte einen Befreiungsschlag im 18. Jahrhundert heraus. Für einen wiedererwachten Enthusiasmus für die Natur und seine "Idealbewohner", die Hirten, sorgten vorwiegend die wissbegierigen Reisenden und Schriftsteller, wie der Berner Albrecht von Haller mit seinem Gedicht Die Alpen (1729), Jean-Jacques Rousseau und vor allem der Zürcher Salomon Gessner. In Gessners Idyllen (1756) verbirgt sich keine plumpe nostalgische Rückbesinnung auf die alte Zeit, sondern eine aktuelle Kritik am Stadtleben mit dessen ungerechter Gesellschaft. Die Idealisierung des einfachen Lebens und des Hirtendaseins verband sich wie bei Sannazaro mit der Forderung nach Frieden und Gleichheit. Die Idyllen vermitteln aber keine Naturschwärmerei, sondern stellen einen "geheimen Katalysator von Gesellschaftskritik" (Garber 2009) im Vorfeld der französischen Revolution dar.
Die Verwilderung der Natur zuzulassen war eine wichtige Botschaft Gessners, aber auch der Respekt gegenüber dem Hirtenstand, als unterste Gesellschaftsschicht, die die Natur pflegt, ja im eigentlichen Sinne die Essenz dessen herstellt, was die wertgeschätzte Landschaft ausmacht. "Denn was entzücket mehr, als die schöne Natur, wenn sie in harmonischer Unordnung ihre unendlich mannigfaltigen Schönheiten verwindet" (aus der Idylle "Der Wunsch").

Zu Beginn der Romantik versank Arkadien (Brandt 2006). Goethe liess es im Faust II als Illusion eines antiken Glücksortes sterben. Arkadien war dem Glücksversprechen des Fortschrittsdenkens nicht gewachsen. In der späteren Romantik reduzierte sich Arkadien schliesslich auf ein privates Idyll eines Bildungsbürgertums. Arkadien ist zerstört, darum reisen wir in ferne Urlaubsparadiese oder suchen es in den kleinbürgerlichen Einfamilienhäusern im Grünen. Grosse Möbelproduzenten ermöglichen heute für Jedermann ein Glück allein im trauten Heim. Arkadien wurde zu Ikea-dien. Die in Gartencentern eingekaufte Natur musste von nun an gefällig und pflegeleicht sein, im eigenen Garten, abgegrenzt mit grossen Gitterzäunen und Warntafeln Vorsicht bissiger Hund! und proprietà privata!. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist die vita rustica heute nicht mehr als der Fensterblick auf der täglichen Pendlerfahrt vom Wohn- zum Arbeitsort. Aber die so erlebte Campagna reduziert sich auf ein zersiedeltes Land: Gewerbegebiete mit Lagerhallen und Einkaufszentren, umgeben von öden versiegelten Parkplatzflächen, dazwischen intensiv genutzte Agglomerationslandwirtschaft mit ausgeräumten, baumlosen Feldern, Gewächshäusern und Ställen für die industrielle Tiermast. Unsere Bergwelten werden für Sportgrossveranstaltungen wie in Sotschi geopfert und für das rasche touristische Erlebnis immer noch weiter erschlossen. Im Zeichen unseres Energiehungers sollen künftig die noch verbliebenen naturnahen Landschaften dank Grosswindanlagen endlich einem sinnvollen Zweck zugeführt werden.

Arkadien heute
Für Klaus Luttringer ist Arkadien heute weit, weit entfernt, aber unsere Sehnsucht nach einer intakt gebliebenen Landschaft, die einfach so sein darf, wie sie ist, wächst stetig an, während wir gleichzeitig die arkadischen Vorbilder immer mehr verlieren (Luttringer 2000). Aber können wir uns heute noch verzaubern lassen von bäuerlichen Landschaften? Gibt es überhaupt noch Orte, wo wir Zeitlosigkeit spüren, wo die Uhren stillzustehen scheinen?

Arkadien bricht unverhofft über uns herein, in spielerischer, ja musikalischer Weise, weltvergessen und überraschend, oft ephemer. Wir fühlen diese arkadischen Momente, wie Luttringer es sagt, in der unerwarteten Begegnung mit einem monumentalen Baum, mit einem lächelnden Gesicht in der Menge, in der Berührung mit einem Flügelschlag eines Schmetterlings, im Duft der Blüten, unter einem von Bienen bevölkerten summenden Kirschbaum oder in einer unverhofften stillen Waldlichtung. Vielleicht lässt sich Arkadien auch durch unser Handeln herbeiholen, ausserhalb des unmittelbaren Nützlichkeitsdenkens, der finanziellen Überlegungen und des Eigentums und Besitzen-Wollens. "Arkadien ist Sehnsucht nach einem unnennbar anderen Leben und seinem sich niemals preisgebenden Geheimnis" (Luttringer). Betrachten wir die fortschreitende Verbauung unsere Landschaften, so erstaunt es wenig, dass in der Poesie und Philosophie das Thema Arkadien wieder Hochkonjunktur hat. Zu denken ist an Reinhardt Brandt, Klaus Luttringer, Winfried Wehle, Klaus Garber, an Adriano Mariuz, Andrea Zanzotto, Giancarlo Pontiggia oder Raffaello Baldini. Letzterer bezeichnet diese wieder aufgetauchte Sehnsucht als Blick ins Unbestimmte (sguardo nell'infinito), in ein Rätselhaftes, das sich uns jenseits des Effektiv-Sichtbaren öffnet.

Arkadien ist das Irrationale in einer rationalen Welt. Seine Bestimmung mutierte im Industriezeitalter zu sozialen Utopien gesellschaftlicher Gerechtigkeit; im Zeitalter des Konsumismus, Materialismus und der Selbstverwirklichung durch stets steigende materielle Ansprüche entschwand Arkadien gänzlich. Damit verabschiedete sich auch die reale Landschaft: inmitten von Einkaufszentren und Lagerhallen, von charakterlosen Siedlungen und Schnellstrassen, von Seilbahnen und Golfplätzen, von Windpärken und Stromleitungen ist Arkadien nicht mehr erspürbar. Design-Grün entlang von Fabrikgebäuden, Palmentöpfe vor Bars und Pubs, Thuja- und Kirschlorbeerhecken, die einen öden Rasen umschliessen, eine Einfamilienhausarchitektur, welche die Ästhetik reduziert auf eine Frage des individuellen, indiskutablen Geschmacks, sind Symbole eines sentimentalen Kitsches. Damit lassen sich ästhetische Wahrnehmungen arkadischer Art kaum erzeugen. Man gibt sich zudem einer Illusion hin, ein privates Arkadien als Zweitwohnung in den Bergen oder an Meeresküsten errichten zu wollen. Arkadische Erfahrungen sind in solchen konstruierten Sehnsuchtskliniken nicht zu finden.

Es ist nötig, einen Blick über den Zaun zu werfen, um Arkadien zu entdecken, wie Luttringer in Anlehnung an Nietzsche meint. Arkadisches Glück findet sich in einem Sein, ohne den Lauf der Zeit zu spüren und ohne die Dinge von morgen zu erwarten. Es ist deutlich mehr, als ein simpler Ausruf "Oh, wie schön ist es hier!", im Gegenteil: Diese Momente umweht ein stiller Hauch von Ewigkeit.

Wo sind nun die Dichterhirten von heute? Ist es nötig, auf dem Lande zu wohnen und landwirtschaftlich tätig zu sein, um einer arkadienfernen Welt zu entfliehen? Arkadien eignet sich gewiss nicht als Konzept für die Landschafts- und Raumplanung, weder für die Stadt noch das Land. Dennoch trägt möglicherweise die landläufige Meinung, das Thema Landschaftsschutz sei ja in unseren urbanisierten Räumen irrelevant, dazu bei, dass wir unsere Alltagslandschaften mit ästhetischem Desinteresse strafen. Diese Räume sollen vielmehr bloss funktionieren, was sie auch tun, doch sie gefallen uns nicht, da wir in ihnen ästhetisch auch nichts mehr suchen. Die rein funktionale Welt ist eine nüchterne Welt. In ihr kann unsere Melancholie nicht mehr verortet, unser Ich nicht mehr "verlandschaftet" werden. Die Glücksorte à la Arkadien sind anderswo noch vorhanden, so hoffen wir es und geben damit das Gros unserer Räume der Trivialisierung preis. Ein weiteres Paradox!

Die Bedeutung Arkadiens heute liegt in dem Wissen, dass wir Utopien benötigen, die uns mit existentiellen Fragen unseres Seins konfrontieren. Das ist kein "retour à la nature!", sondern ein Aufbruch zu Utopien, die den Dingen, wie es Luttringer sagt, die Wärme, die ihnen innewohnt, wieder zurückgibt. Die Landschaft ist ideale Trägerin dieser Symbolik. Doch ist Arkadien heute nicht mehr als Grundsatzkritik an der Stadt zu verstehen. Im Gegenteil: Viele Städte sind längst zu ästhetisch attraktiven Erlebnisorten geworden. Demgegenüber haben die ehemaligen ländlichen, heute periurbanisierten Gebiete in der Peripherie der Städte vieles ihrer früheren ästhetischen Qualitäten eingebüsst. In formlosen, anonymen Wohnquartieren abseits der Dorfkerne, die belastet vom Durchgangsverkehr veröden und ihre alten Bauernhöfe dem Zerfall überlassen, verkümmert unsere Sehnsuchtssuche.

Arkadien - eine unverzichtbare, ja revolutionäre Aufforderung!
Arkadien bleibt weiterhin eine imaginäre und unberührbare Landschaft, obwohl es einen wesentlichen realen Anteil in sich trägt. Aus Arkadien ertönt die Forderung, "stehen gebliebene" Orte zu bewahren, etwas Wildnis in unserer kontrollierten Welt zu tolerieren und das Zufällige und Andersartige wertzuschätzen. Arkadien entsteht mit dem Blick über den Gartenzaun des privaten Eigentums- und funktionalen Nutzdenkens auch durch gemeinschaftliches Handeln: Zerfallene Trockenmauern gemeinsam wieder aufzubauen, alte Bewässerungskanäle in freiwilliger Arbeit wieder zu reaktivieren, einst verrohrte Wiesenbäche wieder an die Oberfläche zu holen oder auch ein Urban Farming –das gemeinsame Gärtern in der Stadt auf temporär oder dauerhaft "nutzlosen" Leerflächen– zu betreiben, vor allem aber: Sich aktiv zu wehren gegen die weitere Zerstörung unserer Landschaften! Dies lässt uns Arkadien erspüren.

Arkadien existiert also weiterhin und erfüllt uns mit seinem revolutionären Charakter. Es fragt uns nicht "was nützt es uns?", sondern "wie fühlt es sich an?". In solchen Momenten steht die Zeit still und wir werden von Arkadien berührt und gerührt. Unsere Ratio verstummt. Wir haben heute Arkadien als Utopie von einst nötiger, denn je. Eine Welt ohne Arkadien ist eine untergegangene Welt, eine Welt ohne Poesie und Musik ebenso!
 
 
Literatur
Brandt, Reinhard 2006. Arkadien in Kunst, Philosophie und Dichtung, Freiburg. i. Br.

Caracciolo Aricò, Angela 2004. Mito e bucolica nell'Arcadia di Iacopo Sannazaro e la cultura figurativa del Quattrocento, in: La Serenissima e il Regno Nl V Centenario dell'Arcadia di Iacopo Sannazaro (Canfora, D., Carraciolo Aricò, A., ed.), S. 65-81.

Enenkel, Karl. A.E. 2008. Die Erfindung des Menschen: die Autobiographik des frühneuzeitlichen Humanismus von Petrarca zu Lipsius, Berlin.

Garber, Klaus 2009. Arkadien, ein Wunschbild der europäischen Literatur, München.

Kidwell, Carol 1993. Sannazaro & Arcadia, London.

Luttringer, Klaus. 2000. Weit, weit... Arkadien, über die Sehnsucht nach dem anderen Leben, Würzburg.

Mariuz, Adriano 2012. Il paesaggio veneto del Cinquecento, in Tiziano La fuga in egitto e la pittura di paesaggio (Artemieva, I., Pavanello, G. ed.), Venezia, S. 25-39.

Rodewald, Raimund 1999. Sehnsucht Landschaft, Zürich.

Rodewald, Raimund 2013. La Campagne genevoise – ein Landschaftsideal vom Gestern zum Morgen, in: Prix Paysage 2013 La Campagne Genevoise, Actes de la Journée, Genève, S. 24-29.

Wehle, Winfried 2001. Menschwerdung in Arkadien: die Wiedergeburt der Anthropologie aus dem Geist der Kunst, in: Über die Schwierigkeiten, (s)ich zu sagen: Horizonte literarischer Subjektkonstitution (Wehle, W., Hrsg.), Frankfurt am Main, S. 83-106.

Wehle, Winfried 2008. Arkadien oder das Venus-Prinzip der Kultur, in: Arkadien in den romanischen Literaturen (Friedlein, R., Poppenberg, G., Volmer, A., Hrsg.), Heidelberg, S. 41-71.

Zitierweise:

Raimund Rodewald 2014: Arkadien – eine verlorene Utopie?  In: http://www.raumnachrichten.de/diskussionen/1863-raimund-rodewald-arkadien--eine-verlorene-utopie


Anschrift des Verfassers:

Dr. phil. Biol., Dr. h.c. Iur. Raimund Rodewald,
Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz SL
Schwarzenburgstrasse 11,
3007 Bern, Schweiz
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Tel 031 377 00 77

 

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