David Harvey: Die Raumwirtschaft der kapitalistischen Produktion. Ein marxistischer Erklärungsansatz. Oldenburg David Harvey: Die Raumwirtschaft der kapitalistischen Produktion(GHM Diskussions-Papiere, Nr. 5) 1985.
27 S.

In den letzten Jahren wird David Harvey im deutschsprachigen Raum häufiger rezipiert. Schon 1985 haben die Geographischen Hoschulmanuskripte (GHM) aus Oldenburg einen Text von Harvey in deutscher Sprache veröffentlicht. In ihm stellt der Autor Grundzüge einer marxistischen Theorie kapitalistischer Raumwirtschaft vor. Wir möchten diesen frühen Text hier einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machen.

 

Der Aufsatz wurde vorgestellt auf der Konferenz:
New Perspectives on the Urban Political Economy, American University, 22.-24. Mai 1981
Originaltitel:
"The Space-economy of Capitalist Production: a Marxian Interpretation"
Übersetzt von Jörg Becker, Göttingen.

 

David Harvey: Die Raumwirtschaft der kapitalistischen Produktion. Ein marxistischer Erklärungsansatz

Ich möchte in meinem Referat den Versuch unternehmen, die Grundzüge einer marxistischen Interpretation der Raumwirtschaft der kapitalistischen Produktion zu skizzieren. Dieser Versuch kann nur einführender Natur sein, da zahllose Gesichtspunkte von großer potentieller Bedeutung bewußt unberücksichtigt bleiben, und er ist partiell in dem Sinne, daß eine produktionsorientierte Herangehensweise an Standortprobleme offensichtlichen Beschränkungen unterliegt. Aber wir müssen irgendwo anfangen, wollen wir den vorherrschenden bürgerlichen Theorien über die Raumwirtschaft des Kapitalismus entgegentreten und eine fundierte marxistische Theorie entwickeln, die denselben Phänomenbereich erklärt.Mein Hauptaugenmerk habe ich deshalb auf die Produktion gerichtet, weil hier die Schaffung von Mehrwert, der Basis der Kapitalakkumulation, erfolgt.

Der Ursprung des Mehrwerts liegt im konkreten Arbeitsprozeß, wie er unter kapitalistischen Produktions- und Austauschbeziehungen organisiert ist. Die stoffliche Umwandlung der Natur, die Produktion von gesellschaftlichen Gebrauchswerten, findet notwendigerweise an einem bestimmten Ort statt. Mit der einzigen Ausnahme der Transportindustrie, die den Ortswechsel als ihr Produkt verkauft, ist die Warenproduktion für die Dauer des Arbeitsprozesses an einen bestimmten Standort gebunden. Ein Ortswechsel kann ohne Wertverlust (Entwertung) nur nach vollendetem Arbeitsprozeß stattfinden. Hieraus ergibt sich in etwa folgende Regel für Standortveränderungen: Der Wertgewinn, der durch die Verlagerung der Produktion an einen höherwertigen Standort zu erzielen ist, muß größer sein als der Wertverlust, der durch diese Standortverlagerung hervorgerufen wird.

Die Dauer des Arbeitsprozesses ist durch die reale Umschlagszeit des eingesetzten Kapitals festgelegt. Je länger die Umschlagszeiten sind, desto schwerer ist es für die Kapitalisten, ihren Standort zu verlagern. Dieses Prinzip wird jedoch, je nachdem, wie beweglich das im Produktionsprozeß eingeschlossene Kapital - z.B. Maschinen und Geräte - ist, unter Berücksichtigung einiger Extrakosten, modifiziert. Bezeichnenderweise hält das im Boden steckende fixe Kapital mit langer Umschlagszeit die Produzenten für eine längere Zeit an einem Standort fest. Die Produzenten können bis zu einem gewissen Grad von diesen Restriktionen befreit werden, wenn der Staat oder irgendeine andere Kapitalfraktion (Grundeigentümer, Finanziers) die Verantwortung für die Herstellung, den Unterhalt und die Verpachtung der verschiedenen Elemente des fixen Kapitals in der gebauten Umwelt übernimmt.

Gesichtspunkte dieser Art machen die Standortwahl der Produzenten zu einer sehr komplizierten Angelegenheit. Wir wollen daher zu Beginn die Analyse vereinfachen und von der Annahme ausgehen, daß alle Kapitalisten sämtliche Elemente ihres Kapitals während eines Jahres umschlagen und daß sie folglich zu jedem Jahresende die Möglichkeit zum Standortwechsel haben. Die Kräfte, die die Standortwahl beeinflussen, können dann losgelöst von den Komplikationen, die aus verschiedenen Umschlagszeiten des eingesetzten Kapitals, getrenntem Eigentum an einzeln angewendeten Kapitalbestandteilen und staatlichen Interventionen resultieren, analysiert werden. Daraus ergibt sich eine stark vereinfachte marxistische Sicht der Raumwirtschaft der kapitalistischen Produktion.


I   DIE KONKURRENZ UND DER KAMPF UM DEN RELATIVEN MEHRWERT
 
Kapitalisten sind am Profit interessiert, und Profit geht aus der Produktion von Mehrwert hervor. Im Falle des absoluten Mehrwerts bleibt die Verbindung zwischen Profit und Mehrwert direkt und eindeutig.

Der Profit, den sich die Kapitalisten aneignen, beruht auf der Verlängerung des Arbeitstages über die für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Länge hinaus. Die physischen und gesellschaftlichen Grenzen dieser Art von Ausbeutung zwingen den Kapitalisten dazu, mittels technologischer und organisatorischer Veränderungen, die die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit erhöhen, nach Profiten zu streben. Dies führt zum relativen Mehrwert.

Da die Analyse des Standortvorteils wesentlich auf dem Konzept des relativen Mehrwerts beruht, will ich kurz seine Bedeutung herausarbeiten.

Kapitalisten, die überlegene Methoden (egal welcher Art) anwenden, verkaufen ihr Produkt zum gesellschaftlich durchschnittlichen Produktionspreis - während ihre individuellen Produktionskosten geringer sind. Sie realisieren auf diese Weise einen Extraprofit. Diese Form des relativen Mehrwerts verschwindet, sobald andere Kapitalisten ähnliche Produktionsmethoden übernehmen. Einzelkapitalisten können einen zeitweiligen Vorsprung nur dann in einen dauerhaften Vorsprung umwandeln, wenn sie ständig an der Spitze der Entwicklung stehen oder wenn Wettbewerbsbeschränkungen (Markteintrittsbarrieren, Patentgesetze, Monopolisierung etc.) vorgenommen werden.

Zwei wichtige Konsequenzen resultieren aus dieser kurzlebigen Form des relativen Mehrwerts. Erstens besitzt die fetischartige Illusion, daß das Kapital (z.B. in der Form der Maschinen) selbst produktiv ist, eine materielle Basis, da sich Kapitalisten mit überlegenen Methoden mehr Profite aneignen können. Zweitens folgt, daß ein höherer Profit auf Kosten anderer Kapitalisten erreicht wird, ohne notwendigerweise die Gesamtmasse des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts zu vergrößern. Die direkte Beziehung zwischen Profitstreben und Mehrwertproduktion wird durchbrochen, und es können nun Widersprüche auftreten.

Einzelne Kapitalisten, die aus Konkurrenzzwängen in ihrem unmittelbaren Eigeninteresse handeln und nach einer Maximierung ihrer Profite streben, neigen dazu, Methoden anzuwenden, die ihnen zwar einen befristeten Vorteil verschaffen, aber den Zusammenhang der Gesamtmehrwertproduktion unterminieren. Hier findet sich der Bedeutungsgehalt der Marxschen These vom tendenziellen Fall der Profitrate wieder. Von der steigenden gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität, die durch das intensive Streben nach kurzlebigen Formen des relativen Mehrwerts angetrieben wird, gehen die Krisentendenzen des Kapitalismus aus.

Der Kapitalismus wird teilweise vor solchen destruktiven Folgen dadurch bewahrt, daß eine wachsende Produktivität in den Industrien, die Konsumgüter herstellen, den Warenwert, der den Wert der Arbeitskraft bestimmt, reduziert. Bleibt der Lebensstandard der Arbeiter konstant, so erfolgt ein realer Anstieg der Mehrwertproduktion, da die Arbeiter weniger Zeit benötigen, den Wert ihrer Arbeitskraft zu reproduzieren. Diese dauerhafte Form des relativen Mehrwerts wird nicht durch das Diktat irgendeines bewußten Planes erreicht (obwohl Kapitalisten vielleicht manchmal versuchen, über den Staat durch die Subventionierung wichtiger Versorgungsmittel die Löhne zu senken). Vielmehr geht sie aus dem widersprüchlichen und willkürlichen Prozeß der kapitalistischen Konkurrenz hervor.

Aber selbst hier treten Umstände hinzu, die diese Prozesse im Rahmen gesellschaftlich definierter Grenzen halten. Gewöhnlich werden Kapitalisten z.B. keine Maschinen verwenden, wenn der Wert der Maschinen größer ist als der Wert der Arbeitskraft, der durch ihren Gebrauch eingespart wird. Wenn die Löhne fallen, wenn die Reihen der industriellen Reservearmee durch die Arbeitslosen vergrößert werden und ein riesiges Arbeitskräftereservoir für seine Indienstnahme bereitsteht, verliert der Anreiz, neue Produktionsmethoden anzuwenden, an Bedeutung. Wenn umgekehrt Arbeitskräfte knapp und wohlorganisiert sind, wenden Kapitalisten sich zunehmend neuen Methoden zu, um Arbeitskraft einzusparen und die Macht der organisierten Arbeiterschaft zu untergraben.

Der Unterschied zwischen absolutem und relativem Mehrwert geht letzten Endes im Kontext der allgemeinen Realität der gesamtgesellschaftlichen Arbeitsproduktivität verloren. Die absolute Form des Mehrwerts bleibt stets die Basis der relativen Form, wohingegen die absolute Form eine ausreichende Arbeitsproduktivität zur Voraussetzung hat, die die Reproduktion der Arbeitskraft in weniger als einern ganzen Arbeitstag sicherzustellen erlaubt. Der Zusammenhang von absoluter und relativer Form des Mehrwerts ist für das Verständnis der allgemeinen Entwicklungsrichtung des technologischen und organisatorischen Wandels im Kapitalismus und der sich ändernden Standortstrategien der kapitalistischen Produzenten von entscheidender Bedeutung.

Die marxistische Theorie des technologischen und organisatorischen Wandels im Kapitalismus betrachtet die Geschichte der Veränderungen im Arbeitsprozeß als das Produkt eines besonderen Systems von Sozialbeziehungen, in dem der Kapitalismus operiert. Der Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit über die Produktion von Mehrwert und die Konkurrenz der Kapitalisten um die Verteilung jenes Mehrwerts zwingen den Kapitalismus wohl oder übel und zuweilen Hals über Kopf zu einer überaus dynamischen Form von oft inkohärentem technologischen und organisatorischen Wandel.


II  RELATIVER MEHRWERT UND STANDORT

Der Vorteil eines bestimmten Standortes für einen einzelnen Kapitalisten hängt von den Kosten für das konstante und variable Kapital an diesem Ort ab; ferner von den Kosten des Transports zu Märkten genügend hoher effektiver Nachfrage, den Beschaffungskosten für Geldkapital zu einem bestimmten Zinssatz und den finanziellen Aufwendungen, die mit der Inanspruchnahme einer ganzen Reihe von Serviceleistungen, auf die ein kommerzielles Unternehmen angewiesen ist, verbunden sind.

Diese Kosten variieren mit der Freigebigkeit der Natur ("natürliche" Ressourcen etc.), mit den sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen, die den Wert der Arbeitskraft, die Kosten des direkten Inputs, die Höhe der effektiven Nachfrage etc. beeinflussen. Sie variieren ferner mit der Möglichkeit des Kapitals (in seinen verschiedenen Formen als Geld, Ware, Produktionsvermögen usw.), von einem Standort zum anderen zu wechseln. Mit diesen Aspekten beschäftigt sich natürlich auch die bürgerliche Standorttheorie in großer Ausführlichkeit. Unsere Aufgabe ist es, sie von einem marxistischen Standpunkt aus zu erklären.

Um das Problem zu vereinfachen, legen wir zunächst einige Annahmen fest. Erstens: Einzelne Produzenten haben keine direkte Kontrolle oder keinen merklichen Einfluß auf das, was ihnen als extern bedingte geographische Variationen in der Wertproduktivität der Arbeit erscheint. Zweitens nehmen wir an, daß die extern gegebenen Bedingungen konstant bleiben und alle Produzenten einer bestimmten Branche mit den gleichen technologischen Standards arbeiten. Wir nehmen ebenfalls an, daß es keine Hindernisse für eine Standortverlagerung am Ende einer jährlichen Produktionsperiode gibt und daß wir es eher mit Standorten "punktförmiger" denn "flächenhafter" ökonomischer Aktivitäten zu tun haben (also eher mit Fabriken als mit landwirtschaftlichen Regionen).

Im kapitalistischen Konkurrenzkampf verwandelt sich ein relativer Standortvorteil für den Kapitalisten in relativen Mehrwert. Unter den angenommenen Bedingungen wird dieser relative Mehrwert, genau wie derjenige, der aus der Anwendung überlegener Methoden stammt, nur kurzlebig sein. Er würde am Ende einer jeden Produktionsperiode durch Standortverlagerung beseitigt werden. Die Profitrate würde sich über alle Standorte hinweg wieder angleichen.

Sehen wir uns nun an, was mit dem akkumulierten Kapital geschieht. Am Ende einer jeden Produktionsperiode besitzen die Kapitalisten Kapitalüberschüsse. Sobald auch nur ein Kapitalist reinvestiert, müssen die anderen ihm folgen, um ihre Wettbewerbsposition zu verteidigen. Es setzt ein Konkurrenzkampf um Marktanteile ein, bis die Extraprofite verschwunden sind und die Profitrate nach null tendiert. Dies ist der Zustand des räumlichen Gleichgewichts, den Lösch in seinem Buch "Die räumliche Ordnung der Wirtschaft" beschreibt. Allerdings ist dies ein außergewöhnliches Ergebnis, denn die Konkurrenz um relative Standortvorteile ruft tendenziell eine "Produktionslandschaft" hervor, die einer weiteren Akkumulation entgegensteht.

Anders ausgedrückt: Einzelkapitalisten, die in ihrem eigenen Selbstinteresse handeln und unter dem gewaltigen Druck der Konkurrenz nach einer Maximierung ihres Profits streben, tendieren dazu, ihre Produktion auszuweiten und ihre Standorte zu verlagern, bis ein Punkt erreicht ist, an dem die Möglichkeit zur weiteren Mehrwertproduktion verschwindet. Es gibt also offensichtlich eine standortbezogene Version der Marxschen These vom tendenziellen Fall der Profitrate.

Ein solches Argument, welches hier in groben Umrissen vorgestellt wurde, ist weder realistisch noch mit marxistischer Theorie vereinbar. Ich bin auf diese Weise vorgegangen, um einige grundlegende Arbeitshypothesen herauszustellen. Erstens: Das in der bürgerlichen Standorttheorie dargestellte "räumliche Gleichgewicht" ist ein Indikator für eine totale Krise in der Kapitalakkumulation. Daraus folgt zweitens: Die auf ein räumliches Gleichgewicht hinwirkende Dynamik - insbesondere die räumliche Konkurrenz - ist ein wesentlicher Bestandteil derjenigen Prozesse, die zu Akkumulationskrisen führen. Drittens können wir daraus ableiten, daß räumliches Ungleichgewicht (im Sinne der bürgerlichen Theorie) eine notwendige Bedingung für eine fortdauernde Akkumulation ist. Und letztlich: In dem Maße, wie im Laufe der Geschichte der Druck zu einem "räumlichen Gleichgewicht" hin abgemildert worden ist, müssen Gegenkräfte (einschließlich der im Verlauf einer Krise mobilisierten) wirksam sein, die die Raumwirtschaft des Kapitalismus in einem Zustand des Ungleichgewichts halten. Daß der Produktionsstandort ein "aktives Moment" innerhalb der Gesamtzirkulation des Kapitals darstellt und daß die Kapitalakkumulation unauflösbar mit ständiger Bewegung innerhalb des räumlichen Systems der kapitalistischen Produktion verbunden ist, ist die generelle Aussage dieser Hypothese.

Um solchen Behauptungen eine größere Überzeugungskraft zu verleihen, müssen wir sie stärker in den marxistischen Theorierahmen einbetten. Das verlangt, daß wir die Bedeutung der Technologie (einschließlich der Organisation) und der Verfügbarkeit von Arbeitskräften (sowohl ihrer Qualität als auch ihrer Quantität nach) für die Bestimmung des Arbeitsprozesses unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen anerkennen müssen. Wir betrachten zunächst jeden Aspekt für sich, während wir am Ende feststellen werden, daß der Zusammenhang von Technologie und Verfügbarkeit von Arbeitskräften der zentrale Gesichtspunkt ist.


III   TECHNOLOGIE VERSUS STANDORT ALS QUELLE RELATIVEN MEHRWERTS

Auf einer begrenzten Fläche mit fixem Arbeitskräfteangebot, uneingeschränkten Marktkapazitäten und gleichbleibenden infrastrukturellen Produktionsbedingungen (Transportnetz, Ressourcenbasis usw.) würden Kapitalisten eine unmittelbare Beziehung zwischen technologischem Wandel und Standortvorteilen als Quellen relativen Mehrwerts feststellen. Produzenten an weniger günstigen Standorten könnten ihren Nachteil durch die Anwendung überlegener Technologien kompensieren. Umgekehrt bestünde für Produzenten, die relativen Mehrwert aufgrund eines Standortvorteiles aneignen, wenig Anreiz zur Erlangung relativen Mehrwerts durch überlegene Technologien und Organisation. Das Verhältnis dieser beiden Quellen relativen Mehrwerts muß daher herausgearbeitet werden.

Unter den Bedingungen sehr schneller und kostenloser Standortverlagerungen würde der relative Mehrwert, der sich aus dem Standort ergibt, sehr kurzfristig sein und so die Produzenten zwingen, durch technologische Verbesserungen nach Mehrwert zu streben. In dem Maße, in dem die Mobilität des in der Produktion angewendeten Kapitals eingeschränkt ist, entstehen an bestimmten Standorten dauerhafte Quellen relativen Mehrwerts, wodurch der Anreiz zu technologischen und organisatorischen Veränderungen abgeschwächt wird. Wird jedoch der aus dem Standort resultierende Extraprofit durch die Grundeigentümer in Form der Grundrente abgeschöpft, so sind die Produzenten wiederum gezwungen, nach relativem Mehrwert durch technologischen und organisatorischen Wandel zu streben.

Wir folgern daraus: Die geographische Mobilität des Produktionskapitals und die Aneignung von Grundrente auf grund eines permanenten Standortvorteils sind gemeinsam für den Ausgleich der Profitrate in der räumlichen Dimension verantwortlich, und sie spielen auch daher insofern eine Schlüsselrolle, als sie die Kapitalisten zwingen, wiederum nach relativem Mehrwert durch technologischen Wandel zu streben. In dem Maße, wie sich die räumlichen Bedingungen verändern, wird auch die zeitliche Dynamik der Akkumulation beeinflußt.

Die Probleme, die vom technologischen Wandel ausgehen, sind wesentlich komplizierter. Stellen wir uns eine Ausgangssituation, in der die Profitraten angesichts gleicher technologischer Bedingungen an allen Standorten ausgeglichen sind, vor. Beim Streben nach relativem Mehrwert setzt eine wahllos verteilte Anzahl von Produzenten einen technologischen Wandel in Gang und modifiziert so die technische und wertmäßige Zusammensetzung ihres Kapitals. Damit verändert sich die gesamte Basis der räumlichen Konkurrenz und die vorausgegangenen Bedingungen räumlichen Gleichgewichts sind sofort aufgehoben. Die Auswirkungen sind vielfältiger Art:

1. Produzenten mit überlegener Technologie weiten ihren Markt auf Kosten anderer aus und machen auf diese Weise aus einem technologischen einen Standortvorteil. Die Konkurrenten können darauf entweder mit Standortverlagerungen oder mit der Anwendung neuer Technologien antworten. Beeinflußt die Technologie die "economies of scale", dann werden entweder a) die Konkurrenten vom Markt verdrängt, oder b) es nimmt der Mehrwert, der dem einzelnen Unternehmer zur Verfügung steht, ab (die Durchschnittsprofitrate fällt).

2. Wenn die Produzenten die technische und wertmäßige Zusammensetzung ihrer angewendeten Kapitale verändern, verändern sie auch ihre anteilmäßige Nachfrage nach Arbeitskraft und Produktionsmitteln. Dies kann drei miteinander verbundene Auswirkungen haben: a) Die Nachfrage nach Arbeitskräften in der Umgebung des Innovators kann nachlassen und dadurch zu Arbeitslosigkeit, sinkenden Löhnen und zu Extramöglichkeiten zur Erlangung relativen Mehrwerts auf der Basis expansionsförderlicher lokaler Arbeitsmarktbedingungen führen (wir unterstellen hier zunächst, daß die Arbeitskraft nicht mobil ist). b) Der Markt für Konsumgüter verändert sich, und Lieferanten aus der Umgebung des Innovators geraten zeitweise ins Hintertreffen. Als Antwort darauf können diese entweder ihren Standort verlagern oder ebenfalls Innovationen durchführen. c) Die Nachfrage nach Produktionsmitteln vergrößert sich in der näheren Umgebung des Innovators. Hersteller von Produktionsmitteln an weniger günstigen Standorten werden diesen entweder verlagern oder ebenfalls Innovationen vornehmen müssen, um sich den veränderten Marktbedingungen anzupassen.

Die Interaktionseffekte sind zweifelsohne zahlreich, und die Wirtschaft wird einige Zeit benötigen, um sich in ein räumliches Gleichgewicht (im Sinne der bürgerlichen Theorie) "auszubreiten", auch wenn keine weiteren technologischen Veränderungen mehr erfolgen.

3. Veränderungen in der Zusammensetzung des konstanten und des variablen Kapitals werden bei der Umwandlung von relativem Mehrwert aus technologischem Wandel in relativen Mehrwert aus Standortvorteilen ebenfalls eine Rolle spielen:
a) Der Trend von gelernter zu ungelernter Arbeit (oder umgekehrt) als Folge von Wandlungen im Arbeitsprozeß, verändert das Standortkalkül für diejenigen, die Innovationen vornehmen, während die Trennung von Planung und Ausführung die Wahl unterschiedlicher Standorte für Teilphasen eines ansonsten zusammenhängenden Arbeitsprozesses ermöglicht. b) Die Substitution eines Rohmaterials durch ein anderes hat unmittelbare Standortfolgen. Wasserkraft erlaubt nur kleine, räumlich eingeschränkte und verstreute Standorte; die Dampfmaschine befreit die Produktion von solchen Schranken, bindet die Standorte jedoch enger an günstige Transportwege, während die Elektrizität eine uneingeschränkte räumliche Verteilung ebenso wie eine Konzentration erlaubt.

Allgemeine Schlußfolgerungen: Das Streben nach relativem Mehrwert durch technologischen Wandel ist nicht zu trennen von dem Streben nach relativem Mehrwert durch Standortverlagerung. Die Konkurrenz bewirkt daher gleichzeitig Veränderungen in der Raumstruktur und im technologischen Bereich sowie zeitweilige Verschiebungen in der gesamten Akkumulationsdynamik. "Räumliches Gleichgewicht" im bürgerlichen Sinne ist daher unter den gesellschaftlichen Bedingungen des Kapitalismus unmöglich. Je mehr sich diese Gesellschaft einem solchen Gleichgewicht nähert, desto größer wird der Anreiz, einen technologischen Wandel, der die Bedingungen des Gleichgewichts wieder aufhebt, vorzunehmen. Ein Rückblick auf Lösch illustriert diesen Punkt. Lösch spezifiziert "räumliches Gleichgewicht" unter der Annahme einer sich nicht verändernden Technologie und behauptet, daß dynamische Aspekte zu einem späteren Zeitpunkt "relativ einfach" in sein Argumentationsmuster einzubauen seien. Dies ist nie mehr erfolgreich gelungen, außer durch Techniken der komparativen Gleichgewichtslehre, die technologischen Wandel als einen extern gegebenen, unerklärten Prozeß behandelt. Was wir hier aufzeigen, ist die Tatsache, daß Veränderungen von Raumstrukturen aus
denselben Impulsen heraus entstehen, die auch den technologischen und organisatorischen Wandel bewirken.


IV   DIE UMSCHLAGSZEIT DES KAPITALS IN DER PRODUKTION - RÄUMLICHE UND ZEITLICHE PERSISTENZ

Die Umschlagsraten der einzelnen Elemente des in der Produktion angewendeten Kapitals sind je nach Industriebranche verschieden lang. Innerhalb der Raumwirtschaft des Produktionssystems ist die räumliche und zeitliche Persistenz umso größer, je länger die Umschlagszeiten sind. Ölraffinerien, Stahlwerke, Elektrizitätswerke usw. erfordern z.B. große Mengen fixen Kapitals, das unteilbar, langlebig und räumlich immobil ist. Bevor der im fixen Kapital eingeschlossene Wert durch die Produktion nicht vollständig realisiert worden ist, können weder neue Technologien eingeführt noch neue Standorte gewählt werden - es sei denn, ein Teil des fixen Kapitals wird entwertet.

Während die Zirkulation des fixen Kapitals im gewissen Grade so gesteuert werden kann, daß sie dem ökonomischen Alterungsprozeß Rechnung trägt, und während die Lebensdauer des fixen Kapitals eher wirtschaftlich als physisch bestimmt werden kann, bedeuten massive Entwertungen des fixen Kapitals stets auf Krisen hin.

Das Fazit lautet: Je größer die Masse, je länger die Lebensdauer und je unflexibler die Form des fixen Kapitals, desto größer ist das Hindernis für standortmäßige und organisatorische Veränderungen. Der relative Mehrwert, der aus beiden gewonnen wird, wird dauerhafter (und daher stärker der Gefahr ausgesetzt, als Rente abgeschöpft zu werden).

Hier treffen wir auf einen Widerspruch. Der Kapitalismus stützt sich immer mehr auf das fixe Kapital (einschließlich dem in der Landschaft verankerten), um die Wertproduktivität der Arbeit zu revolutionieren. Das Ergebnis ist, daß das Wachstum des fixen Kapitals zur Barriere für weitere Umwälzungen in der Mehrwertproduktion durch technologischen WandeI oder räumlicher Reorganisation wird. In dem Maße, in dem viele Industrien mit unterschiedlichen Durchschnittsumschlagszeiten in den ökonomischen Prozeß integriert werden, wächst der Einfluß der räumlichen und zeitlichen Persistenz.

Hier ist auch die materielle Basis für die Krisenbildung und -lösung zu suchen. Ein Bruch mit früheren technologischen Bedingungen und räumlichen Standortmustern hat oft eine massive Entwertung des schon vorhandenen Kapitals zur Folge. Die Krise "befreit" das Kapital, neue Technologien und gleichzeitig neue räumliche Strukturen zu etablieren. Die wahrnehmbare Verbindung zwischen technologischen und standortmäßigen Veränderungen wird leichter verständlich, wenn wir sie als ein zusammenhängendes "Moment" des Akkumulationsprozesses betrachten.


V   DIE BEDINGUNGEN DES ARBEITSKRÄFTEANGEBOTS UND DIE REPRODUKTION DER ARBEITSKRAFT

Da die Ausbeutungsrate dem Profit zugrunde liegt, sind Quantität und Qualität der Arbeitskraft Ausgangspunkt der Kapitalakkumulation.

Um die Dinge zu vereinfachen, gehen wir von folgenden Annahmen aus: Wir setzen ein geschlossenes System (keine Zu- oder Abwanderung) voraus; eine Arbeiterschaft, die, um leben zu können, gezwungen ist, ihre Arbeitskraft zu verkaufen; es gibt keinen organisierten Klassenkampf von seiten der Arbeiter und "freie Mobilität" eines jeden Arbeiters auf der ganzen Ebene.

Unterstellen wir weiterhin eine stabile Wachstumsrate der Gesamtbevölkerung, einen bestimmten Lebensstandard der Arbeiter und einen Investitionsprozeß (z.B. im Erziehungswesen), der die Qualität der Arbeitskraft den Bedürfnissen des Kapitals anpaßt.

Unter diesen Bedingungen könnte die Arbeitskraft bei Veränderungen des Arbeitsprozesses hinsichtlich (a) des Reallohns, (b) der Länge des Arbeitstages, (c) der Intensität der Arbeit und (d) der Arbeitsqualifikation sofort mobil werden.

Zwischen diesen Bedingungen existieren verschiedene Verknüpfungen: Höhere Löhne sind vermutlich an größere Arbeitsintensität, längere Arbeitszeit und zunehmende Dequalifizierung innerhalb des Arbeitsprozesses geknüpft.
 
Um zu leben, müssen die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen. Wenn auch irgendwie bedrückende, haben sie dennoch einige begrenzte Wahlmöglichkeiten. Das Endergebnis ist eine Art von Gleichgewicht zwischen dem Standort des Arbeitskräfteangebots und dem Standort der Arbeitskräftenachfrage. Die einzige Schranke für die Gesamtakkumulation (unterstellen wir einmal unbegrenzte Ressourcen und unbegrenzte Marktkapazitäten) wäre die Zuwachsrate des Arbeitskräftepotentials.

Wir wollen uns nun mit den gesellschaftlichen Prozessen beschäftigen, die das Erreichen eines solch einfachen Resultates verhindern.

1. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist kein kurzfristiger Prozeß. Es dauert viele Jahre, um einen Arbeiter heranzuziehen, und die qualitativen Eigenschaften des Arbeiters - Fertigkeiten, Ansichten, Respekt vor Autorität, Kooperation usw. - sind, einmal tief verwurzelt, nur schwer zu ändern. Die Arbeitskraft ist darüberhinaus die einzige Ware, die im Kapitalismus außerhalb unmittelbarer kapitalistischer Produktionsverhältnisse hergestellt wird. Arbeiter haben ihre eigenen Familien, und wie raffiniert das Vorgehen der mit Kontrollaufgaben befaßten bürgerlichen Institutionen auch sein mag, die Reproduktion der Arbeitskraft bleibt immer außerhalb der direkten kapitalistischen Kontrolle. Da der "Investitionsprozeß", der die Produktion und Reproduktion der Arbeit umgibt, sehr schwer aufzubauen und ebenso schwer abzubauen oder umzugestalten ist, ist dieser ein sehr komplizierter Vorgang. Analog zum fixen Kapital entstehen langlebige und oft immobile Infrastruktureinrichtungen, die eine Schlüsselrolle im Hinblick auf die Qualität und Quantität der Arbeitskraft spielen. Die "räumliche Persistenz" von Produktion und Angebot von Arbeitskräften in verschiedenen Mengen und Qualitäten verhindert daher eine schnelle standörtliche Anpassung.

2. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist intern differenziert. Die Geschichte des Arbeitsprozesses im Kapitalismus läßt einen kontinuierlichen Druck in Richtung auf eine Homogenisierung (Herabstufung alter Fertigkeiten) und die Schaffung neuer Differenzierungen (hierarchisch gegliederte Autoritäts-, Leitungs- und Qualifikationsstrukturen) erkennen. Die Nachfrage nach verschiedenen Kategorien von Arbeitskräften unterliegt daher einem ständigen Wandel. Der Angebotsprozeß hingegen weist aus ganz unterschiedlichen Gründen interne Differenzierungen auf.

Erstens: Arbeitskraft als Ware kann man als "Verbund-Produkt" kennzeichnen - Männer, Frauen und Kinder, die Alten und die Jungen, die Schwachen und die Starken sind alle für eine mögliche Ausbeutung verfügbar.

Zweitens: Soziale Infrastruktureinrichtungen, die hilfreich sind für die Produktion von Arbeitskraft der einen Art, können abträglich sein für die Schaffung von Arbeitskraft einer anderen. Dies ist auch die waltende Logik bei der Differenzierung der Wohngebiete in den heutigen Großstädten, denn Stadtviertel, die für die Reproduktion der höher qualifizierten Berufsschichten eingerichtet sind, unterscheiden sich zwangsläufig von denen der Facharbeiter. Diese sozialen Infrastruktureinrichtungen kristallisieren zu einem beständigen Muster räumlicher Spezialisierung. Falls sie auch von historischen, religiösen, rassischen und kulturellen Differenzierungen überlagert werden, nimmt die Tendenz zu räumlicher Disaggregation und Differenzierung in der gesellschaftlichen Reproduktion eine noch deutlichere Form an.

Angesichts dieser Starrheiten ist es eine strittige Frage, ob Veränderungen im Arbeitsprozeß und im Standort eine Anpassung der Produzenten an solche Starrheiten im Arbeitskräfteangebot sind, oder ob räumliche Differenzierungen im Reproduktionsprozeß eine Reaktion auf diverse Anforderungen des Kapitals sind.

3. Während das Kapital versuchen mag, den Arbeiter auf ein "bloßes Anhängsel" des Kapitals zu reduzieren, widersetzen sich die Arbeiter einer solchen Bestimmung und handeln als kreative Subjekte in bezug auf ihre eigene Geschichte und damit auch auf die des Kapitals. Die Akkumulationsdynamik ist folglich überdeckt von den Trümmern des Klassenkampfes und gekennzeichnet von der Notwendigkeit eines Klassenkompromisses oder einer Revolution. Angesichts der regionalen Unterschiede bei Löhnen und Arbeitsbedingungen können die Arbeiter entweder wegziehen oder an Ort und Stelle bleiben, sich organisieren und gegen die Ausbeutung durch das Kapital kämpfen. Welche Entscheidung sie treffen, hängt von einer Reihe von Erwägungen ab, von denen einige vom Kapital aufgenötigt werden, während andere aus der Kultur und Tradition der Arbeiterklasse herrühren. Haben die Arbeiter, wenn sie bleiben und kämpfen, Erfolg, schaffen sie sich Inseln des Privilegs und versuchen dann vielleicht, andere Arbeiter davon auszuschließen und Kapitalflucht in weniger privilegierte Gebiete zu verhindern.

Auch die Produzenten haben selbstverständlich die Möglichkeit, wegzugehen oder zu bleiben und zu kämpfen. Ihre Entscheidung hängt gleichfalls von einer großen Zahl von Umständen ab, wie z.B. dem Grad der Immobilität ihres eingesetzten fixen Kapitals, ihrer Verantwortlichkeit für soziale und infrastrukturelle Investitionen, ihrem politschen Durchsetzungsvermögen und der Stärke der Opposition, der sie gegenüberstehen. Das Auf und Ab des Klassenkampfes bringt so seine eigenen Differenzierungen auf der Fläche hervor.

Allgemeine Schlußfolgerungen: Die Wertproduktivität der Arbeit, die so entscheidend für die Kapitalakkumulation ist, wird von der räumlichen Unbeweglichkeit des Arbeitskräfteangebots und des Kapitals beeinflußt. Der wechselvolle und oftmals unvorhersehbare Verlauf des Klassenkampfes (eventuell noch verkompliziert durch das historische Erbe rassischer; religiöser und kultureller Unterschiede) stärkt diejenigen Kräfte, die zu einem räumlichen Ungleichgewicht (wie es in der bürgerlichen Theorie definiert ist) beitragen. Es entstehen Inseln relativ dauerhaften Vorteils (für Kapital und Arbeit und manchmal für beide) auf der Fläche. Unter diesen Bedingungen können die Profit- und die Lohnrate nur durch eine unterschiedliche Höhe der Grundrente oder der Steuern ausgeglichen
werden.


VI   DIE RÄUMLICHE GESTALT DER INFRASTRUKTUR

Wir haben bisher angenommen, daß die allgemeinen Produktions- und Reproduktionsbedingungen auf der Fläche konstant bleiben und daß sowohl Kapital als auch Arbeit einfach auf eine bestimmte Anzahl von Möglichkeiten reagieren. Diese Annahme haben wir jedoch bereits teilweise aufgegeben, weil technologische und Standortveränderungen auf der Seite der Produzenten sowie Wanderungsbewegungen (oder ihr Ausbleiben) der Arbeitskräfte Gesamteffekte auf die Definition von "natürlichen" Ressourcen, den Standort von Märkten oder auf andere technische Voraussetzungen, die das räumliche Gleichgewicht beeinflussen, ausüben. Wir müssen jetzt unsere Betrachtung erweitern und feststellen, wie weit gesellschaftlich notwendige Änderungen der infrastrukturellen Verhältnisse auf der Fläche die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen

Nehmen wir zunächst die Kapitalmobilität. Wir wissen, daß die Akkumulation eine ständige Beschleunigung des Kapitalumschlags nach sich zieht, was die Fähigkeit des Kapitals (ob als Geld oder als Waren), sich auf der Fläche zu bewegen, laufend erhöht. Dies erfordert ein ausgeklügeltes System von institutionellen Einrichtungen (einschließlich solcher des Staates) und ein ausgefeiltes Kommunikationssystem, um den Geldumlauf mittels des Kreditsystems zu ermöglichen. Es erfordert ebenfalls ein immer ausgeklügelteres System für den Handel und den Transport von Waren. Das Ergebnis ist, daß der relative Mehrwert, der einem Standortvorteil entspringt, äußerst unbeständig ist, da räumliche Beziehungen ständigen Modifizierungen unterliegen.

Wenden wir uns zweitens der Mobilität der Arbeitskraft zu. Die für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen sozialen und physischen Infrastruktureinrichtungen (Wohnen, Erziehung, Gesundheitsfürsorge usw.) erfahren in ähnlicher Weise räumliche Umstrukturierungen, ohne jedoch den gleichen Imperativen ausgesetzt zu sein, die mit Kapitalumschlag und -akkumulation verbunden sind. Aber auch hier ist der relative Mehrwert aus dem Standortvorteil eine Funktion infrastruktureller Bedingungen, die selbst Veränderungen unterliegen.

Betrachten wir nun diejenigen Kräfte, die im Kapitalismus mobilisiert werden, um jene räumlichen Muster von physischen und sozialen Infrasruktureinrichtungen hervorzubringen. Die Bestandteile der gebauten Umwelt - die physische Infrastruktur - werden in einem sehr komplizierten Prozeß errichtet. Die Zirkulation des Kapitals in der gebauten Umwelt - als fixes Kapital oder als Konsumtionsfonds - nimmt einen unabhängigen Charakter an, nur locker verbunden mit den Erfordernissen der unmittelbaren Produktion und Reproduktion. Die besonderen Probleme, die mit langfristigen und hohen Investitionen in der gebauten Umwelt verknüpft sind, bewirken unter der Einwirkung des Kreditsystems oder des Staates eine starke Zentralisierung des Kapitals. Solche Investitionen werden durch die Nutzung in situ realisiert; bleibt ihre Nutzung aus, so bedeutet dies eine Entwertung des Kapitals in der gebauten Umwelt. Daraus entwickelt sich dann ein Konflikt zwischen der räumlichen Mobilität von Produktionskapital und Arbeitskraft auf der einen Seite sowie der Immobilität des in der gebauten Umwelt eingeschlossenen Kapitals auf der anderen.

Die Prozesse, die soziale Infrastruktureinrichtungen hervorbringen, laufen zwar ganz anders ab, führen letztlich jedoch zu·ähnlichen Ergebnissen und Widersprüchen. Die sozialen Institutionen, die Leben und Arbeit im Kapitalismus regulieren, entstehen nicht über Nacht, und sie erfordern, wenn sie effektiv sein sollen, einen gewissen Grad an Beständigkeit. Diese Einrichtungen regeln Verträge, Geld und Kredit, den Arbeitstag und andere Arbeitsbedingungen, und sie greifen sogar auf die pädagogischen, religiösen und anderen institutionellen Vorkehrungen, die die Reproduktion des Alltagslebens gewährleisten, aus. Solche Institutionen und die Leute, die diese betreiben, verschmelzen, mal locker, mal fest, allerdings nie ohne Konflikte, zu einer sozialen Struktur von
besonderer Art, an einem spezifischen Ort, zu einer bestimmten Zeit. Sie sind auch räumlich differenziert, teilweise weil es die territoriale Arbeitsteilung verlangt, aber auch, weil sie ihren eigenen spezifischen Entstehungsgesetzen unterliegen, die empfindlich sind gegen jede Unterschiedlichkeit im kulturellen, religiösen, rassischen etc. Erbe. Doch diese Institutionen und ihre Betreiber benötigen materielle Unterstützung aus den in der Produktion erzielten Überschüssen.

Daß eine Spannung zwischen den Erfordernissen der freien Mobilität des Kapitals auf der Suche nach relativem Mehrwert und der generellen Inflexibilität der sozialen Infrastruktur besteht, ist offensichtlich. Diese sozialen Infrastruktureinrichtungen abzuschreiben, um die räumliche Mobilität des Kapitals zu erhöhen, würde die Entwertung des investierten Kapitals und der beschäftigten Arbeitskraft bedeuten. Eine solch generelle Behauptung wird dadurch modifiziert, daß bestimmte für den Kapitalismus wichtige Institutionen - insbesondere die Finanzinstitutionen - allzu leicht durch Werttransfer aus anderen Regionen unterstützt werden können. So unterschiedliche Institutionen wie etwa der Vatikan oder die Bank of America haben wenigstens dies gemeinsam.

Die soziale und physische Infrastruktur, die auf der Fläche entsteht, um die Reproduktion von Kapital und Arbeit zu ermöglichen, tendiert zu hochgradiger räumlicher Differenzierung, relativer Immobilität und nur langsamen Veränderungen. Die starke örtliche Gebundenheit dieser Infrastruktur steht im ausgesprochenen Gegensatz zu der Möglichkeit z.B. des Kreditgeldes, sofort überall dorthin zu gehen, wo die Profitrate auch nur zeitweilig höher ist. Aber gerade hier liegt ein interessanter Widerspruch.

Das Tempo der Kreditgeld- und der Warenbewegung hängt von einem ausgeklügelten System des Transport- und des Kommunikationsnetzes wie auch vom Vorhandensein einer relativ stabilen sozialen Infrastruktur ab. Ein Teil des Kapitals muß daher immobil werden, um dem Rest eine noch größere Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Doch wenn der frei bewegliche Teil des Kapitals seine Bewegungsmöglichkeiten voll ausnutzt, wird der ortsgebundene Teil des Kapitals ziemlich sicher eine Entwertung erfahren.


VII   GRUNDRENTE, ZINS, STEUERN UND UNTERNEHMENSPROFITE ALS REGULATOREN BEI DER SCHAFFUNG RÄUMLICHER STRUKTUREN

Unsere vorangegangenen Bemerkungen deuteten an, daß die Kapitalzirkulation zwangsläufig in oft grundverschiedene Zirkulationsformen zerfällt. In der Tat unterscheidet sich die Kapitalzirkulation in der gebauten Umwelt oder im Erziehungssystem grundlegend von der gewöhnlichen Zirkulation in der Warenproduktion. Daher sind offensichtlich Mechanismen erforderlich, die diese divergierenden und ungleichen Bewegungen koordinieren. Kapitalströme in verschiedene Industriebranchen mit unterschiedlichen Umschlagszeiten, in die Betätigungsfelder von Kaufleuten und Bauunternehmen, in das Erziehungs-, Gesundheits- und Wohnungswesen oder in die Errichtung eines Transport- und Kommunikationssystems müssen irgendwie miteinander koordiniert werden, wenn die Beziehungen zwischen Produktion und Konsumtion, zwischen Produktion von Mehrwert und seiner Verteilung und Realisierung nicht völlig aus dem Gleichgewicht geraten sollen. Darüberhinaus müssen diese Koordinationsmaßnahmen die räumlichen Muster des Kapitalflusses zu einer gewissen rationalen Struktur, die mit den Gesamterfordernissen von Akkumulation und gesellschaftlicher Reproduktion in Einklang steht, integrieren.Die im Kapitalismus ersonnenen Vorkehrungen für die Distribution leisten - allerdings in widerspruchsvoller Weise - diese notwendigen Koordinationen. Sie gehen von der grundlegenden Trennung zwischen variablem Kapital (das als Lohn zirkuliert) und Mehrwert, der der Bourgeoisie zufällt, aus. Letzterer spaltet sich auf in Zins, Rente, Steuer und Unternehmensprofit (sowohl in der Industrie als auch im Handel). Es kommen jetzt sekundäre Aneignungsformen hinzu, weil Rente, Zins und Steuer sowohl bei den Löhnen als auch bei der bürgerlichen Konsumtion abgeschöpft werden können. Produktion, Distribution und Realisierung können folglich als unterschiedliche "Momente" eines die Zirkulation von Kapital und Revenuen umfassenden Gesamtzusammenhangs angesehen werden. Wenn die Wertproduktion in kapitalistischen Unternehmen stattfindet, bleibt nur noch das hinter der Aufteilung in Rente, Zins und Steuer stehende Prinzip zu erklären.

1. Grundrente
Der Bodenpreis wird für den Besitzanspruch auf einen Teil zukünftiger Mehrwertproduktion gezahlt. Er ist ein Anspruch auf zukünftige Arbeit. Der Anspruch beruht auf der Möglichkeit des Grundeigentümers, sich Grundrente anzueignen kraft der Monopolprivilegien, die aus dem Privateigentum am Boden resultieren. Warum toleriert der Kapitalismus die Fortdauer solch "feudaler" Privilegien?

Wenn die Grundeigentümer Extraprofite oder höhere Löhne, die auf einem permanenten Standortvorteil beruhen, abschöpfen, dann dient die Grundrente einfach dazu, die Unternehmensprofite und die Löhne anderen Standorten anzugleichen. Das Kapital ist dann gezwungen, relativen Mehrwert durch technologischen Wandel anzustreben, und Kapital und Arbeit werden wieder direktere Formen des Klassenkampfes aufgezwungen. Die Aneignung der Grundrente erscheint durchaus harmlos und sogar im Hinblick auf eine
Standardisierung der zeitlichen Akkumulationsdynamik an den verschiedenen Standorten positiv.

Aber die Muster der Standortvorteile unterliegen ständigen Veränderungen (aus Gründen, die bereits oben genannt worden sind). Und da der Bodenpreis einen Anspruch auf zukünftige Einnahmen, die notwendigerweise zukünftige Arbeit voraussetzen, darstellt, tritt stets ein spekulatives Element hinzu. Der Boden wird zu einer Form des fiktiven Kapitals (diese Kategorie wird verwendet, wenn z.B. Eigentumstitel als Ansprüche auf zukünftige Unternehmensprofite, Regierungsobligationen als Ansprüche auf zukünftige Steuergelder usw. gehandelt werden).

Aber der Boden kann nur dann zu einer Form des fiktiven Kapitals werden, wenn er wie ein rein finanzieller Vermögenswert verwendet und frei gehandelt wird. Das Ergebnis ist, daß die Grundrente zu einer Art Zins wird. Aber während die Zinsrate den Zeithorizont des Kapitalflusses bestimmt, hat die Grundrente mit Standorteigenschaften zu tun, denn sie spiegelt die geographischen Horizonte und die räumliche Intensität der Kapitalzirkulation und der Zirkulation der Revenuen wider. Doch sowohl Grundrente als auch Zins werden der allgemeinen Ordnung des Kreditsystems untergeordnet. Raum und Zeit werden auf eine einzige gesellschaftliche Größe reduziert - den Zinssatz.

Im Endeffekt koordiniert die Zirkulation des zinstragenden Kapitals auf dem Bodenmarkt die zukünftige Bodennutzung mit den antizipierten Formen zukünftiger Mehrwertproduktion. Der Boden unterliegt dadurch dem Zwang zu "höchsten und besten" Nutzungsformen. Der Bodenmarkt wird für das Überleben des Kapitalismus zur gesellschaftlichen Notwendigkeit. Er bestimmt die Allokation von Kapital und Arbeit, legt den Standort der zukünftigen Produktion, des Handels und der Konsumtion fest, steuert über den Standort die Wahl der angewendeten Technologien, gestaltet die gesellschaftliche Arbeitsteilung im Raum und strukturiert ihn gemäß den Prozessen der disaggregierten gesellschaftlichen Reproduktion. Die Aneignung der Grundrente, der Bodenpreis und das Streben nach neuen räumlichen Konfigurationen werden zu "aktiven Momenten" der Kapitalakkumulation. Die Privilegien des privaten Grundeigentums dürfen weiterbestehen, da die Produktion räumlicher Konfigurationen hauptsächlich über den Bodenmarktmechanismus mit den Bedürfnissen des Kapitalismus koordiniert werden kann.

Solche Koordinationen sind nicht unproblematisch. Zunächst nährt die Aneignung der Grundrente den Fetischglauben, daß der Boden und der Standort selbst Werte produzierten, also Produktions"faktoren" seien. Die Behandlung des Bodens als reinen Vermögenswert setzt diesen aber allen Instabilitäten und Widersprüchen aus, die dem Kapitalismus eigen sind.

Was als eine vernünftige und nüchterne Einrichtung zur Koordination der Landnutzung mit zukünftiger Mehrwertproduktion und -realisierung erscheint, kann sich daher schnell in einen Alptraum von Inkohärenz und periodischen Orgien verrückter Spekulation auflösen.

2. Zins
Der Bodenpreis als kapitalisierte Grundrente vereinigt sowohl die zeitliche als auch die räumliche Dimension der kapitalistischen Entwicklung in einem einzigen Maß. Die zeitliche Dimension drückt sich in der Zinsrate aus, die entsteht, wenn Geld selbst zur Ware wird, angehäuft als Kapital außerhalb der unmittelbaren Produktion. Diese Ware hat den spezifischen Gebrauchswert, wenn sie als Kapital in die Zirkulation hineingegeben wird, Mehrwert hervorzubringen. Auf dieser Basis kann sie einen Teil des produzierten Mehrwerts - den Zins - verlangen.

Die Zirkulation des zinstragenden Kapitals übernimmt eine ganze Reihe von wichtigen Koordinationsfunktionen, die mit dem Aufkommen eines ausgeklügelten Kreditsystems zunehmend vervollkommnet werden. Das Kreditsystem kann als eine Art zentrales Nervensystem angesehen werden, durch das die ganze Zirkulation des Kapitals und der Einkommen koordiniert wird. Geldkapital kann so zu Anlagezwecken zwischen verschiedenen Aktivitäten, Firmen, Wirtschaftssektoren und Regionen hin- und herdirigiert
werden.

Die Verbindung verschiedener Aktivitäten, die Vertiefung der Arbeitsteilung, die Verkürzung der Umschlagszeiten, der Ausgleich der Profitraten und die Beziehungen zwischen den Bewegungen des fixen und des zirkulierenden Kapitals (sowohl in der Produktion als auch in der gebauten Umwelt) können innerhalb des Kreditsystems integriert und koordiniert werden. Ungleichgewichte zwischen Produktion und Realisierung von Mehrwert können durch eine entsprechende Kreditvergabe sowohl an Konsumenten als auch an Produzenten korrigiert werden. Damit erscheint das Kreditsystem als potentieller Bewahrer des Kapitalismus vor Disproportionalitätskrisen. Die Zinsrate schließlich wertet gegenwärtige Nutzungen gegenüber zukünftigen Bedürfnissen eher ab, während Formen des fiktiven Kapitals aktuelle Geldkapitalströme mit der Antizipation zukünftiger Arbeitsresultate in Beziehung setzen.

Zinstragendes Geldkapital kann all diese Funktionen ausfüllen, weil Geld eine umfassende soziale Macht darstellt, die, wenn sie in den Händen der Kapitalisten konzentriert ist, als das gemeinsame Kapital der Kapitalistenklasse operieren kann. Gut organisiert und gemanagt kann das Geldkapital durch eine kunstvolle Koordination der Investitionsentscheidungen zur Feinabstimmung des Akkumulationsmotors benutzt werden. Darüberhinaus kann es auch dazu benutzt werden, die Bedürfnisse des Gesamtkapitals für jeden einzelnen Kapitalisten verbindlich zu machen. Auf diese Weise wird eine "optimale" räumliche Allokation des Kapitals möglich.

All diese Möglichkeiten haben jedoch ihren Preis. Die fetischartige Illusion, daß Geld eine Quelle des Wertes darstellt, erhält eine reale materielle Basis, während die Kontrolle des gemeinsamen Kapitals der Kapitalistenklasse durch eine Clique von Finanzagenten jedem möglichen Mißbrauch die Tür öffnet. Und die Geldform selbst verkörpert den Grundwiderspruch der Warenproduktion, und zwar in der Gestalt eines Konfliktes zwischen zwei grundverschiedenen Funktionen des Geldes - Geld als Wertmaß und Geld als Zirkulationsmedium. Die Zirkulation des zinstragenden Kapitals ist folglich mit Widersprüchen durchsetzt, die keine anderen Lösungen als die durch Krisen herbeigeführten zulassen. Das Kreditsystem wird so zur Quelle der Instabilität und zur Ursache all
jener widersinnigen Verrenkungen des Kapitalismus, die alle Klassen in Form von Finanz- und Geldkrisen, Inflation und ähnlichem schonungslos heimsuchen.

3. Steuern
Die für Produktion, Austausch und Zirkulation notwendige soziale und physische Infrastruktur muß irgendwie bezahlt werden. Da viele dieser Einrichtungen öffentliche Güter oder so langlebig und ambivalent sind, daß einzelne oder auch mehrere Kapitalisten zusammen sie nicht bereitstellen können, fällt dem Staat diese Aufgabe zu.

Der Staat wendet sich bezeichnenderweise an das Finanzkapital, um seine Kapitalsituation zu verbessern, und er verläßt sich dann auf zukünftige Steuereinnahmen, um Zins und Tilgung für das geliehene Geld zahlen zu können. So wird die Staatsverschuldung zu einer speziellen Form des fiktiven Kapitals mit eigenen eigentümlichen Zirkulationsgesetzen.

Allgemein achtet der Staat darauf, daß seine Ausgaben produktiv in dem Sinne sind, daß sie eine erweiterte Basis für die gesellschaftliche Reproduktion und für die Mehrwertproduktion schaffen. Obwohl langfristige Vorwegnahmen der Früchte zukünftiger Arbeit immer risikobeladen und potentieller Entwertung ausgesetzt sind, kommt der Staat nicht umhin, solche Projekte durchzuführen, und er muß sich auf Steuern verlassen, um die Produktion von Mehrwert mit der Zirkulation von zinstragendem Kapital auf den Kapitalmärkten zu verbinden.

Allgemeine Schlußfolgerung: Die räumliche Struktur und der zeitliche Rhythmus der Zirkulation von Kapital und Einkommen auf der Fläche werden von Vorkehrungen, die die Distribution regeln (und von damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Institutionen - wie Finanzsystem und Regierung), vermittelt. Diese Vermittlungen sind besonders wirksam bei der Errichtung der physischen und sozialen Infrastruktur, und sie beeinflussen auch indirekt (über die Infrastruktureinrichtungen) und direkt (über den Ausgleich von Profitrate und Lohnquote) den Produktionsstandort.

Die Distributionsgesetze dürfen deshalb nicht als ein bloßes "Anhängsel" der Mehrwertproduktion angesehen werden, sondern sie übernehmen wichtige Aufgaben im Gesamtsystem von Produktion, Distribution und Realisierung. Sie werden teilweise zu aktiven Elementen der Akkumulation aufgrund der Art und Weise, in der sie grundlegende, wenn auch widersprüchliche Koordinationen bei der Produktion und der Transformation von Raumstrukturen der Kapitalakkumulation und der Reproduktion der Arbeitskraft ermöglichen.


VIII   WIDERSPRÜCHE BEI DER MOBILITÄT VON KAPITAL UND ARBEIT

Kapital kann sich als Kreditgeld relativ spontan und schnell über die Fläche bewegen, als Ware allerdings nur so weit und in dem Tempo, wie es das Transportsystem erlaubt. Das Produktionskapital hingegen ist durch seine Umschlagszeit eingeschränkt und besonders an die physische und soziale Infrastruktur, die es benötigt, gebunden. Die Bewegung von Kreditgeld und Waren enthält einen Widerspruch, weil ein Teil des Kapitals in den Boden selbst gesteckt werden muß, um eine größere Beweglichkeit zu ermöglichen. Ähnliche Konflikte treten bei der räumlichen Mobilität der Arbeit auf, und in diesem Fall kommt es zu aktiven Klassenauseinandersetzungen.

Das Resultat ist eine ungeheure Spannung innerhalb der geographischen Landschaft des Kapitalismus zwischen den Erfordernissen nach ständiger Veränderung von Technologie und Standort auf der Jagd nach absolutem und relativem Mehrwert sowie dem großen Gewicht der vergangenen Investitionen, deren Wert nur durch den Gebrauch in situ realisiert werden kann. Die vermeintliche Universalität der Arbeit gerät in ihrer abstrakten Form in einen direkten Konflikt mit der räumlichen Besonderheit der konkreten Arbeit.

Diese Spannungen sind das genaue Gegenteil der schönen Harmonie des räumlichen Gleichgewichts, die die bürgerliche Theorie unterstellt. Aber da, wie wir gesehen haben, dieses räumliche Gleichgewicht den Bedingungen eines Nullwachstums entspricht, müssen wir logischerweise schlußfolgern, daß die hier geschilderte Spannung zu dem (vom Standpunkt des Kapitals aus) durchaus angenehmen Resultat führt, daß solch ein unerwünschtes Ergebnis nicht eintritt.

Kurz gesagt: Ungleiche räumliche Entwicklung wird zur notwendigen Voraussetzung einer dauernden Kapitalakkumulation oder wenigstens zu einer notwendigen Begleiterscheinung. Solch ein Schluß ist teilweise berechtigt. Er impliziert jedoch keineswegs, daß alle Formen ungleicher räumlicher Entwicklung mit einer anhaltenden Akkumulation zu vereinbaren sind.

Es ergibt sich also das Problem, genau zu definieren, welche Formen und Strukturen in der Geographie der ungleichen räumlichen Entwicklung vereinbar sind und welche nicht. Die Klärung dieser Frage setzt die Erkenntnis voraus, daß räumliche Strukturen keine neutralen Reflektoren der widersprüchlichen zeitlichen Akkumulationsdynamik sind, sondern daß räumliche und zeitliche Aspekte sich überlagern und in gewisser Hinsicht gegeneinander austauschbar sind.


IX   DIE REGIONALISIERUNG VON KLASSEN- UND PARTEIENKÄMPFEN

Daß Klassenkampf oder Parteienkonflikt im Kapitalismus eine räumliche und oft territoriale Komponente aufweisen, ist unzweifelhaft. Die bisherige Analyse erklärt die Unvermeidbarkeit solcher Formen der Auseinandersetzung und des Konflikts auf der Fläche, die von menschlichen Gefühlen wie Loyalität gegenüber einem bestimmten Ort, dem "Boden" oder der Gemeinde unabhängig sind. Damit will ich jedoch keineswegs sagen, daß diese Gefühle bei regionalen Konflikten keine Rolle spielen. Worauf ich nur hinweisen will, ist, daß es für solche Formen des Konflikts eine materielle Basis gibt.

Der Wert des Kapitals muß, wenn das Kapital erst einmal in den Boden gesteckt worden ist, verteidigt werden, soll es nicht eine Entwertung erfahren. Und der einzige Weg, es zu verteidigen, liegt darin, die Mehrwertproduktion, die solche Kapitalinvestitionen antizipieren, am Ort zu halten. Dieses Prinzip gilt sowohl für physische als auch soziale Infrastrukturinvestitionen und ist ein besonders gewichtiges Argument für die lokale Gemeinde. Es kann auch als Argument von denjenigen Teilen der Arbeiterschaft benutzt werden, die durch Klassenkampf oder historischen Zufall Inseln relativer Privilegien in einem Ozean allgemeiner Ausbeutung schaffen konnten.
 
Wir können also durchaus mit einer Art Koalitionsbildung zwischen verschiedenen Parteien oder sogar Klassen zur Verteidigung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses (sowohl der Akkumulation des Kapitals als auch der Reproduktion der Arbeitskraft) innerhalb eines bestimmten Territoriums rechnen. Eine solche defensive Koalition hat allerdings notgedrungen einen fragmentarischen Charakter, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Während Kapital und Arbeit sich in einigen Fragen einig sein können (z.B. Handelsschranken für Billigimporte), werden sie auf anderen Gebieten (z.B. über die Länge des Arbeitstages) sicher miteinander streiten. Zweitens: Die Kapitalakkumulation selbst (und die damit verbundenen Erscheinungen wie Konkurrenzkampf, Krisenbildung und ähnlichem) wird an irgendeinem Punkt die Koalition aufbrechen und verschiedene Kapitalfraktionen gegeneinander aufbringen.

Die Fraktionen selbst benötigen nicht unbedingt eine separate institutionelle Identifikation, obwohl diese oft vorhanden ist. Das Problem, das mir vorschwebt, ist eher folgender Art: Eine mächtige Bank kontrolliert Kreditgeld, das sie an einem beliebigen Ort auf der Fläche anlegen kann. Sie wird versucht sein, das Kapital jeweils dahin zu lenken, wo die Profitrate am höchsten ist. Aber die Bank kann auch beträchtliche Hypotheken und Regierungsobligationen an einem bestimmten Ort besitzen. Um die Bedingungen für die Realisierung der Schuldverschreibungen aufrecht zu erhalten, müßte sie das verfügbare freie Kreditgeld in Investitionen stecken, die den Wert der ursprünglichen Investitionen erhalten und vergrößern. Es kann sein, daß die Bank in einem solchen Fall eine niedri
gere Profitrate bei der zusätzlichen Investition akzeptieren muß. An welchen Punkten also, um ein einfaches Beispiel zu nehmen, verlagert Chase Manhattan seine Investitionen nach Südost-Asien und nimmt die durch New Yorks Zahlungsunfähigkeit erlittenen Verluste hin?

Aber es ist auch klar, daß verschiedene Arten von Kapital und Arbeitskraft unterschiedliche Grade lokaler Bindung aufweisen, je nach Art der Investitionen, die sie kontrollieren, und der Privilegien, die sie genießen. Einige sind zuverlässigere Partner einer raumgebundenen Allianz als andere. Lokale Grundeigentümer, Ladenbesitzer, die Gebietsregierung und traditionelle Teile der Arbeiterklasse bilden gewöhnlich eine Kategorie, wohingegen größere Kreditinstitute, Manager, Technokraten und Freiberufler die andere ausmachen. Klassen- und Parteienkämpfe sind dadurch nicht abgeschafft. Sie nehmen bloß eine territoriale Form an, die gemeinsam mit anderen Kampfformen wirksam werden.

Genauso, wie die Jagd nach relativem Mehrwert technologische und standörtliche Aspekte hat, operieren die zeitliche und die räumliche Dimension gemeinsam in der Sphäre der Klassen- und Parteienauseinandersetzungen. Dies wird besonders in Zeiten einer allgemeinen Krise deutlich, wenn die Kämpfe zur Verteidigung einer lokalen Ökonomie und die Versuche, die Auswirkungen der Krise woandershin zu exportieren, sehr ausgeprägt sind. Aber das Ergebnis ist ebenso eine radikale Umstrukturierung der räumlichen Ordnung der Produktion wie eine radikale Umstrukturierung des Arbeitsprozesses als Basis für neue Phasen der Kapitalakkumulation.


X   DIE RAUMWIRTSCHAFT IM KAPITALISMUS - EINE ZUSAMMENFASSUNG

Bürgerliche Theorien der Raumwirtschaft im Kapitalismus eliminieren und verschleiern bezeichnenderweise die reale Basis der Akkumulation und kommen so zu Resultaten, die weder mit der Geschichte übereinstimmen, noch besonders aufschlußreich für das Durchdenken räumlicher und regionaler Prozesse sind. Trotzdem muß man sich mit den von ihnen geschilderten Prozessen räumlicher Konkurrenz auseinandersetzen. Wenn man sie im Rahmen der marxistischen Theorie behandelt, zeigen diese Prozesse die Tendenz, Raumstrukturen hervorzubringen, die mit weiterer Akkumulation unvereinbar sind. Eine tiefergehende Untersuchung dieser Prozesse zeigt, daß Ausgleichskräfte am Werk sind, die die räumliche Mobilität von Kapital und Arbeitskraft in eine spannungsreiche Raumstruktur einlagern. Raumgebundene Konflikte werden dann Teil der Mittel, durch die der Klassenkampf um die Akkumulation und deren Widersprüche eine neue räumliche Ordnung der Produktion sowie neue Strukturen innerhalb des Arbeitsprozesses formt.

Es hat den Anschein, als ob wir eine spezifisch marxistische Theorie der Raumwirtschaft im Kapitalismus erarbeiten und damit einen Rahmen für das Verständnis der Kompliziertheiten der historischen Raumentwicklung des Kapitalismus im Weltmaßstab schaffen könnten.

 

 

Wer sich näher in das opulente Werk von David Harvey einarbeiten möchte, für den hält der Autor eine ausführliche Internetplattform bereit. Hier haben Sie Zugriff auf etliche Vorlesungen:

http://davidharvey.org/

 

zurück zu raumnachrichten.de

Kommentar schreiben