Axel Rühle (Hg.) 2008: Megacitys - Die Zukunft der Städte. München. 160 S.

Alex Rühle, Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat zwölf in zwölf Megacitys heimische Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgeboten, Schilderungen ihrer Stadt und Stadt-Lebenswelt zu verfassen. Daraus wurde eine Artikelserie in der Süddeutschen und jetzt ein hübsches Bändchen mit dem Titel Megacitys - Die Zukunft der Städte. Was da drin steht, lässt sich unter den Begriff "gelebter Urbanismus" stellen und ist übers Ganze gesehen, vor allem was "die Zukunft" angeht, aschgrau, beklemmend, zum Verzweifeln. Wo soll diese Mega- Stadtentwicklung enden?  


Die Megacitys sind: Lagos, London, Mexico City, Bombay, Seoul, Kairo, São Paulo, Johannesburg, Teheran, Peking, Tokio, Los Angeles. In den dichterischen Stadtbeschreibungen tauchen so gut wie alle Themen, die Stadtforschung und Stadtplanung heute beschäftigen, auf, aber eben andersherum, von unten sozusagen. Beispiel: Ivan Vladislavic beschreibt Johannesburg anhand seines Schlüsselbunds (den eine Besucherin aus Schweden unbedingt fotografieren wollte). Am Schlüsselbund hängen 17 Schlüssel, die alle notwendig sind, damit Vladislavic sein Haus und die Umgebungsmauer verlassen und durch all die Sicherheitstore wieder betreten kann. Und der Mann kennt alle Bärte seiner Schlüssel auswendig, und zwar taktil; er hat sie im Tastsinn gespeichert, damit er den jeweils richtigen Schlüssel blitzschnell aus der Hosentasche ziehen und anwenden kann. Langes Herumnesteln vor einer Tür wäre lebensgefährlich in dieser Stadt der Mauern, der gated communities. Und so erschliesst sich aus der Schlüsselbundgeschichte die oder mindestens eine traurige Seite der Megacity Johannesburg.  
Zweites Beispiel zum Thema Undurchschaubarkeit, Unübersichtlichkeit, Unregierbarkeit: Die amerikanische Publizistin Maria Golia, die seit 1980 in Kairo lebt, schildert das Leben in dieser Stadt als einen aussichtslosen Kampf gegen Staub, Hitze und Bürokratie. Die Aussichtslosigkeit führt zu einer Befindlichkeit der individuellen wie kollektiven Lethargie. Gegen Korruption und Vetternwirtschaft kämpft schon niemand mehr, sondern jeder schaut, wie er damit am geschicktesten zurecht kommt. Und trotzdem geht das Leben weiter. Maria Golias Motto: "Das Leben hier ist die Hölle, aber die Leute lachen darüber."  
Zum Thema Verkehrskollaps, Umweltkollaps. Die Journalistin Daniela Chiaretti dachte sich, sie müsse sich endlich einen Überblick über ihre Stadt São Paulo verschaffen, um den Auftrag aus München erfüllen zu können. Wie gewinnt man einen Überblick über São Paulo? Zu ebener Erde ist dies ein Ding der Unmöglichkeit. Die Stadt zu erwandern wäre eine lebenslange Aufgabe, der sich ohnehin nur Lebensmüde unterzögen. Mit privaten oder öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es kein Fortkommen; ihre Benutzung bedeutet Warten im Stau. Also machte Chiaretti von einem touristischen Angebot Gebrauch: Zeppelin-Sightseeing von einem der Flughäfen aus. Und was sie aus dem Zeppelin sah, war aus dem linken Fenster Hochhausstadt, aus dem rechten Fenster Hochhausstadt, und konnte nicht ausmachen, wo die endet, ob sie überhaupt endet. So wendet sie sich, um die Stadt zu beschreiben, wieder dem fokussierten Blick aus ihrer Wohnung im siebzehnten Stockwerk zu. Was sieht sie? "Einen Testarossa, daneben zwei Obdachlose, die einen vollbepackten Einkaufswagen vor sich her schieben, kleine Häuschen und dieses Klo, das seit vier oder fünf Jahren in einem Hinterhof liegt. Und ich sehe im Dunst den Turm der orthodoxen Kirche - was für ein Smog!" Und fügt bei, sie lebe im "Paradies", so nämlich heisst die gated community, in der sie wohnt.
Fast alle dieser Megacity-Beschreibungen zeichnen sich aus durch Galgenhumor, der manchmal in Zynismus umschlägt, worauf direkt oder indirekt das Eingeständnis folgt: Wie soll ich mich anders vor der Verzweiflung retten? Und in den meisten dieser Texte findet sich eine Reflexion zur Frage: Warum bin ich trotz allem hier? Noch hier? Wahrscheinlich auf immer hier in diesem entsetzlichen Chaos? Und die Antwort läuft in der Regel darauf hinaus, dass eben nur die Stadt gerade schriftstellerisch und kulturell Tätigen eine Lebens- und Überlebensmöglichkeit bietet, qualifizierte Arbeit, soziale Kontakte, ein Klima der Innovation. "Diese Stadt, jede Stadt ist unsere Hoffnung, dass wir dazu in der Lage sind, uns zu entwickeln." (Chris Abani, der über Lagos, wo er herstammt, und über Los Angeles, wohin er vertrieben wurde, schreibt). Und schliesslich bricht bei den meisten der Autorinnen und Autoren ein Liebesbekenntnis durch zu einer geheimnisvollen, undefinierbaren Stadtseele, die sich offenbart in Geräuschen, Gerüchen, Gesprächen. "Ich lausche Lagos mit geschlossenen Augen."   
Die grosse Ausnahme heisst Tokio. Florian Coulmas, seit 1970 in Tokio und Leiter des Deutschen Instituts für Japanstudien, überschreibt seinen Beitrag mit "milder Moloch", berichtet dann aber von einer bestens organisierten, sicheren, angenehmen, ja durchwegs schönen Stadt, in der alles zu haben ist, was Kopf, Herz und Leib begehren, wo Erstklässler allein mit der U-Bahn fahren, wo sich eine Stadtkultur entwickelt hat, "die die Anonymität der Millionenagglomeration mit der Vertrautheit der Nachbarschaft verbindet". Nur eine grosse Sorge haben die Bewohner Tokios neuerdings: Die Invasion der Krähen, die sie zu früher Unzeit mit ihrem "Krah-Krah-Krah" aus dem Schlaf reissen und äusserst aggressive Räuber sind. Zu Hunderttausenden sollen sie in den letzten Jahren die Metropole "besiedelt " haben. Einstweilen seien Bevölkerung, Verwaltung und Regierung ratlos, wie man sich gegen diese Art von Rückeroberung der Stadt durch wilde Tiere zur Wehr setzen könnte.  
Die Qualität der Texte ist unterschiedlich. Doch ich will hier keine Rangliste aufstellen, nur noch auf den gewaltigsten, den umwerfendsten aufmerksam machen. Er stammt vom Romancier Kiran Nagarkar und behandelt "Bombay/Mumbai/Boombay" (so der Titel seines Beitrags). Da kommt den Leser das kalte Grausen an; Nagarkar verschont ihn mit nichts, auch nicht mit den Schrecknissen früherer Zeiten und vor allem nicht mit dem Totalversagen der Stadtpolitik und ihren Masterplänen. Er berichtet auch von einem Auftritt eines aus England eingeflogenen Star-Stadtplaners, der angesichts der Verhältnisse vor Ort kein Wort mehr herausbrachte. Und dann, nach 20 Seiten Geisselung der Verhältnisse und der Akteure, die sie geschaffen haben, die Frage: "Also ist Bombay eine totale Katastrophe, ein hoffnungsloser Fall, oder ?" "Falsch. Total falsch." Und es folgt ein Hymnus, eine Liebeserklärung, ja ein Werbetext, der einer Standort-Marketing-Website bestens anstehen würde. Und zum Schluss die Auflösung des Paradoxons: "Die Megacity ist eine Art Droge, die man bisweilen zwar verabscheuen mag, für die man aber lieber sein Leben aufs Spiel setzt, als auf sie zu verzichten."
Rudolf Schilling

 

Quelle: disP 173, 2/2008, S. 71-72

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