Andrew Wood, Susan Roberts: Economic geography. Places, networks and flows. New York 2011. 179 p.

Die grundlegenden Umorientierungen der Wirtschaftsgeographie in den vergangenen Jahrzehn­ten (u. a. cultural turn, institutional turn, relational turn) bringen die Aufgabe mit sich, Lehrbücher zu entwickeln, die die Disziplin in ihrergesamten konzeptionellen und methodischen Breite darstellen. Die Herausforderung liegt dabei insbesondere darin, traditionellen Ansätzen der Standorttheorie und der Raumwirtschaftslehre angemessenen Platz einzuräumen und gleichzeitig die aktuellen Debatten des Faches in ausreichender Breite und Tiefe darzustellen sowie ihre Bedeutung für gegenwärtige wirtschaftliche Realitäten und Tendenzen herauszuarbeiten. Dazu gehört auch, im Hinblick auf die Politikrelevanz des wirtschaftsgeographischen Studiums, Bezüge zwischen theoretischen Ansätzen und ihrer Umsetzung in Regionalpolitik,Wirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit herzustellen.

Wood und Roberts stellen sich mit ihrem kompakten Lehrbuch dieser Herausforderung. IhreDarstellung wird von einer Trias aus drei konzeptionellen Grundthemen geleitet: erstens dem Verhältnis zwischen räumlicher Beständigkeit (fixity) und Mobilität; zweitens den Beziehungenzwischen ökonomischen Akteuren, ihren Strategien und Identitäten sowie ihren Strukturen und Netzwerken; und drittens der räumlichen und multiskalaren Natur ökonomischen Handelns (3, 9). Erklärtes Ziel der Autoren ist es, Ansätze aus verschiedenen Paradigmen des Faches nebeneinanderzustellen und Studierenden zugänglich zu machen. Sie zielen ab auf eine „more pluralisticeconomic geography, one which advances an ex­plicitly eclectic sensibility rather than advocatinga dogmatism that either critiques the ‚faddish‘ nature of the ‚new economic geography‘ or alter­natively, dismisses all that came before the mid­1970s as redundant and irrelevant to understanding contemporary economic geographies“ (2).

Eine Stärke des Werkes liegt darin, die Genese der Wirtschaftsgeographie ins Verhältnis zu his­torischen Entwicklungen zu setzen. Auch aktuelles Geschehen wird behandelt, beispielsweise in Fallstudien zu raumwirksamen Strategien transnationaler Unternehmen. Die so gewonnene Anschaulichkeit dürfte für Studierende, die die Wirtschaftsgeographie neu kennenlernen, hilfreich sein, um sich den Zusammenhang zwischen konzeptionellen geographischen Ansätzen mit ihrem teilweise hohen Abstraktionsgrad und der tatsächlichen Raumrelevanz konkreten wirtschaftlichen Handelns zu erschließen. Auch gelingt den Autoren beispielsweise bei der Diskussion des Cluster-Diskurses (131 ff.) ein in Anbetracht der gebotenen Kürze relativ tiefer und angemessen kritischer Überblick über ein Thema, das die Wirtschaftsgeographie seit drei Jahrzehnten beschäftigt. Auch die Rezeption des Konzepts in der politischen Praxis wird nachvollziehbar dargestellt.

Allgemein lässt sich allerdings zur Schwer­punktsetzung fragen, warum traditionelle Ansätze – so bedeutend sie sowohl vor dem Hintergrund ihres historischen Kontexts als auch für die Entwicklung des Faches sind – ausführlich und detailreich erläutert werden (Kap. 2, 3), einige hochgradig politik­und praxisrelevanteDebatten allerdings äußerst knapp oder überhaupt nicht thematisiert werden. So wird beispielsweise die Postfordismusdebatte sehr kurz abgehandelt (130 f.), das in der Literatur kontrovers diskutierte Stichwort der Flexiblen Spezialisierung kommt nicht vor. Auch fehlen Ausführungen zum Thema Global Cities (obwohl sich dies angesichts der Nennung von Weltstädten als Finanzzentren und als Standorte von Hauptverwaltungen transnationaler Unternehmen anbieten würde, 60ff., 80f.), zu Floridas Theorie des kreativen Kapitals und der kreativen Klasse und zum Regional­resilience­Diskurs. Letzteres ist gerade in einem Lehrbuch, das nach der Finanzkrise 2008/2009 entstanden ist und sie auch ganz zum Schluss aufgreift (159 ff.), und das im Zusammenhang mit Werksschließungen auf den Niedergang der US-amerikanischen Automobilindustrie Bezug nimmt (66 f.), unverständlich. Auch Krugmans Ansatz der „new economic geography“ wird nur knapp auf einer Seite (47) behandelt und nicht anhand seines bedeutenden Kern­Peripherie­Modells erklärt. Dem Anspruch des Eklektizismus (2) wird das Werk insoweit nicht gerecht. Angesichts des kompakten Umfangs des Lehrbuches mag dies nachvollziehbar sein, doch scheint diese Schwerpunktsetzung mit dem Anspruch des Faches, reale raumwirksame Phänomene zu erklären, zu kollidieren. Entgegen der Vermutung der Autoren hat es nicht zwangsläufig mit einer dogmatischen Bevorzugung sozialtheoretischer Ansätze zu tun, dass traditionelle standorttheoretische und raumwirtschaftliche Ansätze im wirtschaftsgeographischen Diskurs in den Hintergrund gerückt sind. Vielmehr dürfte dies damit zu tun haben, dass ihr Erklärungswert und ihre Politikrelevanz für aktuelle ökonomische Tendenzen und Probleme abgenommen haben und dass die Wirtschaftsgeographie mit diesen Tendenzen Schritt halten muss, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Einen entsprechenden Versuch unternehmen die Autoren gegen Ende des Buches, indem sie ein ganzes Kapitel (Kap. 8) der Frage widmen, wie heterodoxe Perspektiven die Wirtschaftsgeographie konzeptionell erweitern. Anstatt jedoch aktuelle konzeptionelle Tendenzen vorzustellen, diskutieren Wood und Roberts allgemeine Fragestellungen zu Natur und Kultur wie Ressourcen (Wasser und Öl), Arbeit und fair trade. Dieses Kapitel bleibt in seinen Aussagen vage und wirkt in seiner Zusammenstellung eher konfus. Die angesprochenen Themen wären mit mehr konzeptioneller Tiefe besser in den vorausgegangenen Kapiteln aufgehoben. Dadurch wäre auch eine bessere Gegenüberstellung orthodoxer und heterodoxer Konzepte möglich gewesen.

Trotz der angesprochenen Schwächen ist den Autoren ein kompaktes und anschauliches Lehrbuch gelungen, das insbesondere Studierenden ohne einschlägige Vorkenntnisse, die zum ersten Mal mit der Wirtschaftsgeographie in Berührung kommen, einen ersten Überblick über den Gegenstand und die Herangehensweise der Disziplin bietet. Für eine eingehende Beschäftigung mit spezifischen wirtschaftsgeographischen Fragestellungen bietet sich der Einsatz des Buches vor allem in Kombination mit detaillierteren und theoretisch tiefer gehenden Lehrbüchern an. Die zahlreichen Fallstudien und Praxisbeispiele des Werkes eignen sich für den Einsatz in der Lehre, um bei Studierenden Interesse und Sensibilität für raumwirksame Phänomene zu wecken und anhand vertiefender Literatur die praktische Relevanz wirtschaftsgeographischer Forschung herauszuarbeiten. Die Übungsaufgaben am Ende jedes Kapitels, die zum Teil auf tagesaktuelle Probleme Bezug nehmen und auf nützliche Internetquellen verweisen, können für didaktisch wertvolle Diskussionsanstöße genutzt werden.

Maximilian Benner, Heidelberg


Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg.58 (2014) Heft 1, S. 66-67

 

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